Sendung vom Mittwoch, 19.3.2008 | 23.03 Uhr | SWR2
Philippe Manoury: "Strange Ritual"
für Ensemble (DEA)
Alex Buess: "AXIS CORE"
für Akusmonium, Posaune, Streichquartett und Percussion (UA)
Ensemble Modern
Uwe Diercksen (Posaune)
Norbert Ommer (Klangregie)
Leitung: Johannes Kalitzke
Francesco Filidei: Sonata à sette
Ritratto di compositore con finale flamenco
für Instrumentenmaschinen, Bühnencomputer und Elektronik (UA)
ensemble recherche
(Konzertmitschnitte vom 20. und 21. Oktober 2007)
Das einsätzige Werk hat sich in meinem Kopf sofort als eine Art sehr freie Passacaglia dargestellt. Das „Motiv”, das man gleich zu Beginn hört, sollte die gesamte Architektur dieses Stückes tragen. Doch in dem Maße, wie ich im Verlauf der Komposition neue Elemente in die Partitur einführte, geriet diese Basisstruktur schrittweise immer mehr in Unordnung und brach schließlich vollkommen zusammen. Daher der Titel des Werkes, Strange Ritual: Der regelmäßige, geordnete Prozess, der einem Ritual vergleichbar ist, wird durch das anarchische Verhalten bestimmter Elemente in Gefahr gebracht, die ihn schließlich zur Explosion bringen.
Ich bin besessen von strengen Konstruktionen und zweifle zugleich daran, ob ihr ästhetischer Wert ausreichend ist. Ohne Zweifel kommt diese Dialektik zwischen dem „Gleichen“ und dem „Anderen“, dem „Homogenen“ und dem „Heterogenen“ bei mir zum Ausdruck. Es ist mir praktisch unmöglich, mit dem Komponieren anzufangen, ohne vorher einen Plan ausgearbeitet, Verlaufslinien, Richtungen und ein Minimum an Funktionen definiert zu haben, die ich dem musikalischen Material zuweise, das ich verwenden möchte. Aber alle Organisation kann für mich nur so etwas wie eine „Marschroute“ sein, in der sich dann Verzweigungen, Gabelungen und Zufälle auftun werden. Ich zitiere dazu gerne einen Satz von Joyce: „Ein Zufall ist ein Tor, das sich auf neue Entdeckungen öffnet“. Und um im Bereich der literarischen Bezüge zu bleiben, möchte ich auf Kafka und Borges verweisen, die mich stark beeinflusst haben: Welten darstellen, die alle scheinbar eine logische Ordnung mit ihren eng verknüpften Beziehungen besitzen, die sich aber, von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, als Herausforderungen eben dieser Logik erweisen. Von der Konfrontation einer zeitlosen Ordnung mit der im Augenblick entstehenden Notwendigkeit lebt ein großer Teil meiner musikalischen Entscheidungen. Musik, die aus einem Prozess gemacht ist, der niemals auf die Notwendigkeit des Augenblicks trifft, ist nicht mein Fall, ebenso wenig freie Improvisationen, die niemals auf einen Prozess treffen. Ich webe an einem Tuch, das so organisch sein soll wie nur irgend möglich. Ich wünschte, ich könnte von meiner Musik sagen, dass sie wie das Leben sei, aber ich bin nicht sicher, ob das richtig verstanden würde. Jeder Augenblick unseres Lebens besteht aus einer Vielzahl von Entscheidungen und Zufällen, die zusammen in einem Augenblick einen generellen Sinn herstellen. Was ich Organizität nenne, ist nichts anderes als dieses Flechtwerk von Überlagerungen, Verästelungen und Wucherungen, von Netzwerken, deren Interaktion am Ende der Komplexität der Welt einen lesbaren Sinn verleiht. Wenn man ein Bild oder ein Foto aus großer Nähe betrachtet, sieht man darin irreguläre, chaotische Texturen, komplexe Strukturen, die keinen Sinn zu haben scheinen. Entfernt man sich, tritt eine Form zutage, in der das sie konstituierende Gewimmel von Details verschwindet. Musik muss Tiefe haben und zugleich Bedeutung. Sie soll im physischen Raum klingen, aber auch im mentalen Raum dessen, der sie hört. (Philippe Manoury)
Unter Morphing versteht man das Verschmelzen von Bestandteilen und Prozessen aus verschiedensten Zusammenhängen, auch solcher, welche nicht notwendigerweise in der Natur vorkommen müssen. Dies ist ein Phänomen, das hauptsächlich durch die Mittel der digitalen Reproduktion möglich und fassbar geworden ist, obwohl, wenn ich an die chimärenhaften Wesen in der griechischen Mythologie denke, die Idee an sich sehr alt ist. Durch Verschmelzen entwickeln sich neue, ungeahnte Strukturen und Texturen. Morphing hat in den verschiedensten Bereichen eine Bedeutung, so auch in der Musik: Durch das Vereinen von Klängen, die in der natürlichen Umgebung nicht vorkommen, entstehen neue Kraftfelder: morphische oder morphogenetische Felder. Unantastbare, organisierende Strukturen, deren wesentliche Ausdrucksform die Vibration ist. Jedes Musikstück beherbergt sein eigenes morphisches Feld, bestehend aus einer Vielzahl von Mustern. Sobald ein solches Muster mit einem anderen, vielleicht bereits existierenden, in Berührung kommt, wird es klingen und dazu geneigt sein, sich immer wieder zu wiederholen. „Für mich steht fest, dass morphische Resonanz in jedem noch so kleinen Ding eine Erinnerung dessen hinterlässt, was zuvor existierte“, sagt der Biologe Rupert Sheldrake.
In meinem Stück AXIS_CORE geht es um Felder unterschiedlichster Art, um Achsen, um Klangmuster – vergleichbar z.B. mit Gesteinsproben (cores), welche uraltem Gestein zu Analysezwecken entnommen werden. Die Verschmelzung der Klangmuster mit den verschiedensten Feldern und Achsen lässt im Raum eine Resonanz entstehen: eine Resonanz im Kraftfeld zwischen Energie und Erinnerung.
In der ursprünglichen (bis heute noch nicht realisierten) Version meines Stückes sollte die ganze Steuerung der Lautsprechermatrix sowie die Klangsteuerung live-elektronisch in Echtzeit erfolgen. Ich musste jedoch diese Idee aus technischen Gründen vorerst hinten anstellen, da sich die Programmierung der elektronischen Komponenten als sehr schwierig und langwierig herausgestellt hat. Für die nun vorliegende Version für Akusmonium, Posaune, Streichquintett und Schlagzeug habe ich, wie ich das auch für die live-elektronische Version beabsichtigt hatte, auf der Basis von diversen Parameterpaaren gearbeitet. Ich habe für die Klangbearbeitung und Verarbeitung sowie für die Raumverteilung ein speziell für dieses Werk geschaffenes Computerprogramm verwendet, welches unter anderem auf Parametern wie der Abhängigkeit zwischen Raumposition und Tonhöhe, zwischen Raumposition und Klangbearbeitung, zwischen Raumposition und Rhythmik oder auch zwischen Tonhöhe und Rhythmik aufgebaut ist. Durch diese elektronische Matrix habe ich dann die für mein Stück relevanten Klänge und Strukturen hindurchgeschleust. Das Resultat dieses Prozesses habe ich am Ende „eingefroren“ und habe daraus das 14kanalige Zuspiel für die Lautsprecher-/Raum-Matrix entwickelt, welches einerseits die Klang- und andererseits die Kompositionsgrundlage meines Werkes bildet. (Alex Buess)
Wie viele Unglückselige verbringe ich nunmehr den großen Teil des Lebens am Computer, tatsächlich auch jetzt, in dem Versuch, dieser Präsentation Form zu geben; da bin ich, vor dem Bildschirm zwischen Mausklick und Anschlag der Tasten, unterbrochen von langen, zu langen Stillen. Dieselbe Situation trat beim Schreiben der Sonata a Sette ein. Schreiben, korrigieren, programmieren, streichen, synthetisieren. Der Prozess des Arbeitens ist am Ende das Stück selbst geworden oder wenigstens eine seiner Lesarten:
Die Arbeit am Computer, die Versuche der Synthese, die Proben mit Instrumenten und Assistenten und die vergeblichen Mühen der Konzentration, die sich am Ende unweigerlich in Bildern auflösen, die der ausgedehnte Aufenthalt in Spanien und vor allem der Flamenco vorgeben.
Die Instrumente verlieren jetzt ihre Physiognomie und sie verbinden sich mit virtuellen Instrumenten, die durch Synthese physischer Modelle geschaffen wurden. Die Interpreten können ihre Arbeit nicht fortsetzen und sie lassen sich gehen, und auch die wirklichen Assistenten haben von Anfang an etwas zu entgegnen.
Ein Stück, das erzählt, wie es gemacht ist, aber zugleich auch ein Titel, der an eine bestimmte formale Strenge erinnert und an ein wildes Anknüpfen an die Wurzeln unserer Musikgeschichte, also an unsere Vergangenheit, an unsere Erfahrungen, an unsere Erinnerung. Über Musik schreiben, Musik schreiben, Musik über das Schreiben von Musik schreiben. Für mich geht es bei Musik immer darum: Eine Reihe von ausreichend mehrdeutigen Signalen (nicht notwendig Klängen) in einer zeitlichen Architektur zu organisieren und den Zuschauer an den Platz des Komponisten zu setzen. (Francesco Filidei)
Letzte Änderung am: 22.02.2008, 16.01 Uhr
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