Sendung vom Mittwoch, 23.1.2008 | 23.03 Uhr | SWR2
Luca Marenzio: ”Vivrò dunque lontano”
aus dem 5. Madrigalbuch zu 6 Stimmen
Salvatore Sciarrino: "Polveri laterali"
für Klavier
Stefano Gervasoni: 8 Distichen von Angelus Silesius
für 6 Stimmen aus “In Dir“
Domenico Scarlatti: Sonate A-dur K 208, Andante e cantibile
Alessandro Scarlatti: Madrigal "O morte, alg'altri fosca a me serena"
Claude Vivier:"Love Songs" für 7 Stimmen
Johannes Brahms: Vokalquartette op. 112
Schola Heidelberg
J. Marc Reichow, Klavier
Leitung: Walter Nußbaum
(Konzert vom 15. Juli 2007 im Kurtheater Bad Wildbad innerhalb der Reihe "Rossini in Wildbad")
Die SCHOLA HEIDELBERG wurde als solistisches Vokalensemble 1992 von Walter Nußbaum gegründet. Unter seiner Leitung führen die bis zu 16 Sängerinnen und Sänger vor allem Musik des 20. / 21. Jahrhunderts und 16. / 17. Jahrhunderts auf. Besonders wichtig dabei: versierter Umgang mit verschiedenen Stilen und verschiedenen, auch mikrotonalen Intonationssystemen und neuen Vokaltechniken wie Atem- und Sprachgeräuschen. Laut- und Klangkompositionen der jüngsten Vergangenheit und Werke jenseits des gängigen Repertoires bilden Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit. Das Ensemble steht in engem Kontakt mit Komponisten der Moderne und hat durch die Vergabe von Kompositionsaufträgen zu zahlreichen neuen Werken angeregt. Ein Spezifikum des Ensembles ist die Präsentation komponierter Konzerte mit Werken aus allen Zeitepochen. Die spannenden Korrelationen, aber auch die Brüche zwischen den einzelnen Stilen und Epochen vermitteln neue Perspektiven auf alle präsentierten Werke, also nicht nur auf jene der Moderne. Davon konnten sich auch die Gäste im Kurhaus in Bad Wildbad überzeugen. Um diese Einblicke den Hörern zu ermöglichen, verzichten auch wir in unserer heutigen Sendung auf den Zwischenbeifall und senden den Abend gewissermaßen als geschlossene Komposition bestehend aus Werken für Gesang und Klavier.
"Polveri laterali" widmet sich den äußeren Rändern der Klavier-Tastatur. Das "seitliche Zerstäuben" am Rande der Hörbarkeit setzt hier, mehr durch Zufall, ein paar scheue Klangfiguren frei. Wie erschrocken von der sie umgebenden Stille, gelangen sie kaum bis in die Mitte der Tastatur. (J. Marc Reichow)
Seit 1992 dachte ich über ein mögliches kompositorisches Projekt nach, das die Distichen (Zweiteiler) von Angelus Silesius verwenden könnte, die der deutsche Mystiker, Dichter und Denker des 17. Jahrhunderts in seinen Büchern "Der Cherubinische Wandersmann" gesammelt hat. Erst 2002, dank einem Vorschlag der "Neuen Vokalsolisten", konnte meine Idee realisiert werden. Was mich hauptsächlich an den Distichen von A.S. interessiert und bezaubert, ist die für sie charakteristische Vereinigung von Einfalt und Zweideutigkeit: der Sinn erscheint in immer neuen Facetten innerhalb der kleinen Form des Zweizeilers (2 Verse von 12 Hebungen, jeder mit einer Zäsur in der Mitte und Endreim) dank Silesius unerschöpflicher Fähigkeit, sie bis ins Unendliche abzuwandeln. Von Reim zu Reim, von Paradox zu Paradox, von Verneinung zu Verneinung, von Wortspiel zu Wortspiel verflüchtigt sich der Sinn, und eine theologisch eindeutige Interpretation wird unmöglich: vergeblich würde man aus ihnen herausfinden, ob A.S. lutherisch oder katholisch sei, der kämpferische Fanatiker des Katholizismus oder der jeder Konfession fremde Mystiker. Gott lässt sich nicht festlegen, oder er ist auf vollständig negative Weise bestimmt, denn jede Definition ist eine Begrenzung, und Gott ist der Eigenschaft abgeneigt, die der Mensch ihm verleiht.
Die musikalische Behandlung der Texte von Silesius, abgesehen davon, dass sie von der besonderen Dimension der Erfahrung von Mystik beeinflusst ist - der der Mystik jenseits von religiösen Inhalten - muss also dreizehn Mal nicht nur den poetischen Inhalt jedes Zweizeilers wiedergeben, sondern auch seine besondere theologische Bedeutung oder den Knoten der philosophisch-religiösen Zusammenhänge. Wobei Gebrauch gemacht wird von der weiteren Möglichkeit der symbolischen Bedeutung, wie sie vom Serialismus angeboten wird, den gleichsam als Ersatz konzipierend für das tonale System mit seinen sprachlichen Möglichkeiten der autonomen Bedeutung, die sich verflechten mit Funktionen und Ausdrücken der wahren und eigenen Sprache.
"In dir" verwendet die folgende Zwölftonreihe, die symmetrisch teilbar ist in 2 + 4 I 4 + 2 Zellen:
h - d / e - es - des - c / fis -g - a - b / as - f
h - gis / fis - g - a - b / e - es - des - c / d - f
Mit ihren 12 Tönen und ihrer Symmetrie entspricht diese der Struktur des von Silesius verwendeten Verses (im Verhältnis 1:1 - eine Reihe pro Vers; aber auch 1:2 - 2 Reihen pro Vers; 1:3 usw.; oder auch 1:0,5 - den ersten Teil der Reihe pro Vers; und noch andere) und wird gestaltet nach den Prinzipien des strengen Serialismus, des Post-Serialismus und nach persönlichen Kriterien, die geprägt sind, um in der musikalischen Struktur den theologisch-poetischen Kern jedes einzelnen Distichons fassbar zu machen. Einzige Einschränkung der Prinzipien des Serialismus ist der Gebrauch von großen oder kleinen Dreiklängen, erhalten durch Übereinanderstellen einer anderen Reihe im Intervall einer großen Terz über oder unter die zwei kleinen Terzen, in denen die Grundreihe beginnt und endet. Auch diese Art musikalischer Behandlung entspricht einer ziemlich genauen Ausdrucks- und Symbolfunktion: natürlich kann im Zeichen der Zweideutigkeit und der Umdeutung des Sinns des silesianischen poetischen Mystizismus der Dreiklang, je nach seiner Stellung im Vers das Absolute Gottes evozieren oder die Trivialität der Conditio humana, aber auch die irdische Humanität Gottes oder die Göttlichkeit des Menschen. (Stefano Gervasoni)
Claude Viviers affektgeladene, emotionsreiche und mit seiner eigenen Biographie eng verknüpfte Kompositionen stellen einen weitgehend individuellen Weg in der Musik des 20. Jahrhunderts dar. In den 1968 bis 1972 entstandenen Werken zeigt sich eine Vorliebe für Vokalmusik, insbesondere die Beschäftigung mit der Thematik des Todes. Die "Chants" aus dem Jahre 1973 leiten nach Viviers Aussage eine neue Schaffensperiode ein, in der die Musik zum Ausdruck der individuellen Emotionen wird. Als wichtiges neues Element fungiert dabei das Wort, dem eine eigene musikalische Sprache inhärent ist. Vivier kehrt die innere Musik der Worte nach außen, spielt ihre symbolische und emotionale Bedeutung gegeneinander aus, überlagert sie, vermischt sie jedoch nie. Dabei bedingt nicht mehr die Musik, sondern der Text die Struktur der Werke. Die Worte - symbolisch oder rhythmisch, voller Klangfarben und Gesten, aber auch verdreht oder gebrochen, schreiend, flüsternd, sanft oder jubelnd - ergeben ein eigenes Klanguniversum und eine Musik von musikdramatischer Qualität. Die 1977 erschienenen Werke Love Songs und Journal bestätigen diese neue emotionale und an das Wort gebundene Ausdrucksform.
Der Text der zum größten Teil graphisch notierten Love Songs beruht auf collageartig zusammengestellten Zitaten von Novalis (Geistliche Lieder), Hermann Hesse (Ausgewählte Gedichte - Liebeslied 1), William Shakespeare (Romeo and Juliet) und Vergil, die allesamt um das Sujet der Liebe kreisen. So werden sprach- und epochenübergreifende Fragmente kombiniert, die vom Ensemble auf verschiedene Weise kommentiert werden. Das kraftvolle Symbol der Liebe wird durch das Heraufbeschwören mythischer Helden (Romeo und Julia, Tristan und Isolde) und der Kindheit - geträllerte Kinderreime -, verkörpert.
Vivier beschreibt die Love Songs als "Tagebuch einer inneren Reise. Reisen, große Reisen bleiben doch immer Kontemplation von inneren Welten. Dies sind meine Reisen, meine Erinnerungen und meine Schreie - Entsetzensschreie oder Gesänge der Zärtlichkeit; Love Songs gehört zu den letzteren". Der Komponist präsentiert eine Bandbreite an Emotionen: ästhetische Emotion - musikalisch oder literarisch -, archaische Emotion, religiöse Emotion, kindliche Emotion - gefärbt von Geschichten und Kinderreimen -, alltägliche Emotion - Gelächter, Geschrei, Tränen. In dieser Musik voller Irregularitäten werden durch das Festhalten an bestimmten Parametern stabile Zentren geschaffen: Tonhöhe (polare Töne oder Akkorde Modelle), Rhythmus (Metrum, Geschwindigkeit, rhythmische Modelle) oder Text (symbolische Worte, wiederkehrende Worte, Referenzsprache) können diese vereinheitlichende Kontinuität schaffen. In der dreiteiligen Komposition dient u.a. der Text als solches wiederkehrendes, struktur- und formgebendes Element. Von Beginn an präsent, beschließen Fragmente in deutscher Sprache den ersten Teil des Werks und eröffnen den folgenden Teil. Zum Ende hin wird die deutsche Sprache von einer slawischen sowie einer erfundenen Sprache ("Varushka") abgelöst.
Die sprachlichen Äußerungen und Gesten können hinsichtlich der Intensität, Nuancierung, Bewegung, Lautstärke sowie dem Ton und Rhythmus differenziert werden. Die eingesetzten Mittel sind von verschiedener Art: musikalisch, wenn sie mit dem Ambitus oder den Lautstärkenuancen und -kontrasten (Flüstern überdeckt von fürchterlichem Lachen), den Klangfarben (homorhythmischer Klanghintergrund, vor dem sich eine Singstimme erhebt) oder der Geschwindigkeit der Prosodie spielen; poetisch wenn die Emotionen (Gelächter, Gejammer, Angst, Liebe) von einem Wispern, Atmen oder Husten gefärbt sind, wenn gestische Elemente hinzukommen ("stop! Hu-hum!") oder wenn der emotionale Klang der Worte wie Musik erscheint ("don't leave me alone..."); poetisch-musikalisch wenn sie in einen repetitiven Rhythmus kindlicher Reime verfallen. Und die reine Musik, die mit ihren drei Melodien den murmelnden Klangteppich zu durchdringen versucht die erste diffus im Hintergrund, die beiden anderen, miteinander verwoben in den Vordergrund drängend, fast wie ein schwaches Leuchten auf der quälenden Suche nach Liebe.
Vom kompositorischen Gesichtspunkt aus behandeln die Love Songs die Stimmelemente wie Klangobjekte. Das Stück führt sein Material roh ein: lange Klänge mit und ohne Tremolo, Phrasen, Husten, Schreie, Rufe, Glissandi, oder Atemgeräusche. Dabei werden periodische Strukturen in Form von Kreisläufen zum kontinuitätsstiftenden Prinzip. Die verschiedenen Kreisläufe (jeder dieser Kreisläufe ist eine Welt für sich) stellen unterschiedliche Existenzniveaus nebeneinander. Durch die Überlagerung und Anordnung der Klangebenen wird ein perspektivischer Klangeindruck erzeugt. Bei der vorletzten Melodie "Varushka" erklingt eine bogenförmige Melodie, die uns nostalgisch an etwas unwiederbringlich Vergangenes erinnern lässt. (Marie-Luise Nimsgern)
Letzte Änderung am: 12.12.2007, 11.27 Uhr