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Unser Abwasser macht keine Pause. Die Plörre läuft 24 Stunden am Tag ins Klärwerk. Das Brackwasser stammt von Spülmaschinen, Toiletten, Brauereien oder Arzneimittelherstellern. Einen Tag braucht es, um gereinigt zu werden. Dann fließt das zweifach biologisch gereinigte Abwasser wieder klar in den nächsten Fluss. Die Reinigung ist naturidentisch – hat aber auch ihre Grenzen. Unter anderem bleiben Hormone drin, die Fische verweiblichen.

Ob Geldscheine, Holzbalken oder Spielzeug: Mit dem gesamten Wasser von Spülmaschinen, Toiletten, Brauereien oder Arzneimittelherstellern treibt alles Mögliche ins Karlsruher Klärwerk. "Ein Pinguin kam auch schon einmal angeschwommen. Das kommt vor, wenn im Karlsruher Zoo der Teich entleert wird, da fließt das Wasser in den Kanal. Und da kann es sein, dass ein Tierchen durchflutscht. Er ist aber lebendig wieder ins Gehege gekommen", erzählt Michael Steinert, der stellvertretende Betriebsleiter im Karlsruher Klärwerk. Pinguine hat er eher selten im Abwasser.
Der alltägliche grobe Dreck sieht anders aus und den holen elektrisch betriebenen Abwasserrechen aus dem Wasser: Klopapier, braune "Klumpen", Damenbinden oder Salatreste. "Da ist alles lustig durcheinander, auch was man normalerweise nicht in die Toilette werfen sollte."
Das "Rechenhaus" ist der einzige Ort im Werk, der wirklich stinkt: Die Luft ist geschwängert von beißendem Kloakengeruch.
Der Dreck geht dann übers Fließband in Containern zur Verbrennungsanlage. Daraus wird Strom fürs Werk.
Das grob gereinigte Wasser durchläuft noch weitere mechanische Reinigungsstufen. Im belüfteten Sandfang setzen sich durch die niedrige Fließgeschwindigkeit Sand und Kies ab. Danach werden noch Fette und Phosphate abgeschieden.
Das Wasser durchläuft zwei biologische Reinigungsstufen.
In der ersten setzen die Mikroorganismen organische Verschmutzung in Bakterienmasse um, den Klärschlamm, erklärt Betriebsleiter Martin Maurer. "Die Mikroorganismen sind schlauer, als es chemische, technische oder physikalische Verfahren sind. Im Abwasser sind hunderttausend verschiedene Verbindungen und die Mikroorganismen, die etwas zu fressen haben, vermehren sich. Die Biologie kann sich also auf die tatsächliche Abwasserzusammensetzung ideal einstellen."
Die Mikroorganismen im Belebungsbecken sind die bestmöglichen Helfer. Sie bauen vor allem Kohlenstoffe ab, sprich organisches Material. Im Klärwerk passiert also das, was in einem Gebirgsbach auch abläuft, nur technisch verdichtet.
In den Zwischenklärbecken sinkt der Schlamm nach unten und wird von Schiebern abgeräumt.
Die zweite biologische Reinigungsstufe verstärkt die biologische Reinigung.
Hier darf das Wasser Karussell fahren. Eine sechs-armige Rohr-Spinne dreht sich über große Tropfkörper und gießt das Wasser über Lavaschlacke. Spezielle Bakterien, die Nitrifikanten, haben sich auf der Oberfläche der Lavasteine angesiedelt. Mit ihrer Hilfe wird der Ammoniumstickstoff zu Nitrat oxidiert, und damit entgiftet.
Die Nachklärbecken trennen nochmals Schlamm vom Wasser, das dann als fast klares Abwasser in den Rhein fließt.
Das Wasser ist jetzt sauber. Optisch zumindest. Aber richtig rein ist es nicht, verrät Martin Maurer. Manche Stoffe gehen einfach nicht raus. "Medikamentenrückstände und Hormone von Tieren und Menschen, auch Röntgenkontrastmittel – die ganze Palette, die in Haushalt und Industrie eingesetzt wird, kommt letztendlich bei uns im Abwasser an. Diese Stoffe bekommen wir bislang nur zum kleinen Teil aus dem Wasser raus."
Auch wenn die Konzentrationen nur im Nano-Gramm-Bereich liegen, können sich Hormone und Arzneimittelreste auf die Lebenswelt auswirken.
Das Klärwerk Karlsruhe plant laut Martin Maurer eine weitere Reinigungsstufe mit Aktivkohle, um mehr von diesen Stoffen zu filtern. "Die Verweiblichung der Fische durch Hormone wie die in der Anti-Baby-Pille ist messbar. Ich denke, Hormone hat man sicher jahrzehntelang unterschätzt, weil die in sehr geringen Konzentrationen Auswirkungen auf die Organismen haben. Hier wären zusätzliche Reinigungsverfahren erforderlich."
Bis der Gesetzgeber Grenzwerte für Hormone oder Arzneimittelreste festlegt, werden wohl noch viele Jahre vergehen.
Autor: Arndt Reisenbichler
Letzte Änderung am: 23.09.2011, 15.30 Uhr