SENDETERMIN So, 10.2.2013 | 14.05 Uhr

SWR2 Feature am Sonntag

Die Nibelungen - Wie sie wurden, was sie sind

Von Gabi Schlag

Nibelungen-Handschrift

Nibelungen-Handschrift

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hoeren sagen …

In Worms herrscht König Gunther mit seinen Brüdern Gernot und Giselher über das Reich der Burgunden. Ihre Schwester ist Kriemhild, das schönste Mädchen weit und breit. Um sie wirbt Siegfried von Xanten, der Sohn des Königs der Niederlande. Siegfried hat große Heldentaten vollbracht: Er hat einen schrecklichen Drachen getötet und den Schatz der Nibelungen errungen …

Die Handschriften des Nibelungenliedes des unbekannten Dichters aus dem 13. Jahrhundert haben lange in Klöstern und Schlössern geschlummert, bevor sie Mitte des 18. Jahrhunderts wiederentdeckt wurden. Schritt für Schritt begann man, den literarischen und historischen Wert des Liedes zu schätzen. Bald wurde das Lied als "Ilias des Nordens" bezeichnet.

In der Romantik machte man das Nibelungenlied zum Nationalepos. Und schließlich wurde die Dichtung von den Nazis als Epos vereinnahmt, das Werte wie "bedingungslose Gefolgschaft" und "unverbrüchliche Treue" propagiere. Dabei wird keiner dieser Werte im Nibelungenlied besonders hervorgehoben, im Gegenteil: Man könnte das Werk als Warnung vor Gewalt, Maßlosigkeit und blinder Rachsucht begreifen. Die Nibelungen sind ein Mythos, aber sie haben über die Jahrhunderte auch eine Maschinerie zur Mythenproduktion angeworfen, die häufig zu verzerrten Bildern führte.

Wir nehmen das Wagnerjahr 2013 zum Anlass, dem Mythos "Nibelungen" nachzugehen, seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zu reflektieren und zu fragen, was uns die Heldenbilder der Nibelungen heute noch zu sagen haben.

Stand: 30.12.2012, 03.10 Uhr