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Zum 200. Geburtstag von Grimms Märchen

Sendung vom Montag, 30.1. | 22.05 Uhr | SWR2

Von Claudia Schmölders

"Sneewittchen aber wuchs heran, und als es sieben Jahr alt war, war es so schön, daß es selbst die Königin an Schönheit übertraf, und als diese ihren Spiegel fragte: 'Spieglein, Spieglein an der Wand: wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land?' sagte der Spiegel: 'Frau Königin, Ihr seyd die schönste hier, aber Snewittchen ist noch tausendmal schöner als Ihr!'

So klingt es im Originalton bei den Brüdern Grimm in der Erstausgabe ihrer "Kinder- und Hausmärchen" , die 1812 erschien.

Brüder Grimm

Wilhelm und Jacob Grimm

Kein Märchen scheint momentan beliebter als eben die Geschichte vom Schneewittchen, jedenfalls laut Umfrage bei erwachsenen Deutschen. Was vielleicht auch wieder kein Zufall ist, denn Schneewittchen gilt schließlich auch als das meistverfilmte Märchen. In diesem Jahr stehen gleich zwei neue Verfilmungen ins Haus, eine sogar mit Julia Roberts als böser Königin.

Aber soll man sich wundern? Wenn zwei Drittel aller traditionellen Märchenfiguren und Märchenleser weiblichen Geschlechts sind, muss Schönheitskonkurrenz als Motiv durchschlagen, so traurig das auch für Feministinnen klingt.


Kurzinfo

Titel der Reihe:
Die Brüder Grimm
Eine Biographie
Autor:
Steffen Martus
Verlag:
Rowohlt, 2009
Länge:
608 Seiten | 26,90 Euro

Wieso sammelten die Brüder Grimm Märchen?

Der kleine hagere Jacob mit dem scharf gezeichneten Gesicht und den blauen Augen und Wilhelm, der kränkliche, träumerische Bruder - wie kamen die beiden überhaupt auf die Idee, eine Märchensammlung anzulegen?

Bekanntlich stellte ein anderes Männerpaar, die beiden Romantiker Achim von Arnim und Clemens Brentano im Jahr 1805 den ersten Band einer Volksliedersammlung "Des Knaben Wunderhorn" vor. Gleichzeitig riefen sie öffentlich dazu auf, weitere Sagen, Sprüche, Geschichten und Prophezeiungen einzusenden, sogenannte "volksläufige Prosa". Brentano bat damals auch Schwager Karl von Savigny um Hilfe; Savigny wiederum empfahl Jacob und Wilhelm.

Mit ihrer Ehrfurcht vor dem Literaturgut der Vorfahren gehörten sie tief in die sogenannte Heidelberger Romantik und deren Inspiration durch Johann Gottfried Herder, der schon Ende der siebziger Jahre Volkslieder vorgelegt und einen weltweiten, längst nicht nur deutschen literarischen Volksgeist beschworen hatte.

Zwischen 1807 und 1812 also haben die Brüder den ersten Band ihrer "Kinder- und Hausmärchen" zusammengestellt, teils aus schriftlicher, teils aus mündlicher Überlieferung, der sie einen geradezu kultischen Vorrang einräumten.

Kritik am Märchenbuch

Ende 1812 lag das Buch vor mit 54 Texten samt wissenschaftlichen Anmerkungen. Bekanntlich hat sich das Buch, vom Verleger Reimer in rund 900 Exemplaren gedruckt, nicht gut verkauft. Es gab Kritik wegen der allzu akademischen Anmerkungen. Es gab aber auch Kritik überhaupt an der Andacht, mit der hier angeblich Kindergeschichten präsentiert wurden.

August Wilhelm Schlegel etwa, Bruder des Romantikers Friedrich und Sprachwissenschaftler in Bonn, war nicht sehr begeistert:

"Was nun die Ammenmärchen betrifft, so wollen wir sie keineswegs geringschätzen: nur glauben wir, daß das Vortreffliche in dieser Gattung eben so selten ist, als in allen übrigen. Jede gute Wärterin soll ihr Kind unterhalten oder wenigstens beruhigen und einschläfern; leistet sie dies durch ihre Geschichtchen 'Es war einmal ein König' u.s.w., so ist weiter keine Forderung an sie zu machen. Wenn man aber die ganze Rumpelkammer wohlmeinender Albernheit ausräumt und für jeden Trödel im Namen der 'uralten Sage' Ehrerbietung begehrt, so wird in der Tat gescheiten Leuten allzuviel zugemutet."

Grausamkeiten im Märchen

Tradition und mündliche Überlieferung waren den Grimms also bedeutsam. Aber auch 'die Moral von der Geschicht' war ihnen wichtig, vor allem die Wahrheit, die aus einem reinen Kindermunde spricht. Mit der kindlichen Reinheit ist es aber so eine Sache. Beispielsweise die Geschichte "Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben" ist nur in der Erstausgabe von 1812, in den späteren Ausgaben aber nicht mehr enthalten.

Angeblich haben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Amerikaner kurzzeitig alle Exemplare der Grimmschen Märchen aus deutschen Bibliotheken, soweit erreichbar, entfernt. Denn man schrieb die Gräueltaten der Deutschen nicht zuletzt der Erziehung durch Märchen zu.

Stattdessen nahmen sie die Bücher offenbar mit in die USA, und hier studierte sie Jahre später der bekannte Psychoanalytiker und jüdische Emigrant Bruno Bettelheim. Mit dem Ergebnis eines Weltbestsellers namens "Vom Nutzen der Verzauberung" oder zu Deutsch "Kinder brauchen Märchen".

Woher stammen die Märchen?

Vor allem drei Familien lieferten den Brüdern das Gesuchte: die Familien Hassenpflug und Wild aus Kassel, bald auch ehelich mit den Grimms verbunden, sowie Mitglieder der adligen Familie Haxthausen. Weitere Zuträger kamen hinzu, darunter die berühmte Dorothea Viehmann, die allerdings, anders als Wilhelm Grimm glauben machen will, keine schlichte hessische Bäuerin war, sondern die Frau eines Schneiders, mit hugenottischem Hintergrund. Der französische Pfarrer in Kassel hatte sie zu den Brüdern Grimm geschickt. Also ein Fall von Propaganda?

Heute weiß man, dass die meisten Grimmschen Geschichtenzuträger gebildete Frauen mit Kenntnis französischer Märchen waren, und dass dergestalt Stücke der bekannten und gedruckten Sammlung "Geschichten meiner Mutter Gans" von Charles Perrault aus dem Jahre 1697 in die "Kinder- und Hausmärchen" Eingang fand: Der gestiefelte Kater zum Beispiel, Dornröschen, Rotkäppchen, Aschenputtel und andere. Auch sonst haben ausländische literarische Quellen Pate gestanden - Italien, Spanien und natürlich die Antike.

Heinz Rölleke, Germanist aus Wuppertal, hat diese unerhörte Vorgeschichte seit den siebziger Jahren enthüllt, unter großem Protest der Märchengemeinde; ihm verdanken wir seither sämtliche definitiven Ausgaben zu den Kinder- und Hausmärchen.

Die Verkaufsgeschichte

So bekannt Grimms Märchen heute sind - die Verkaufsgeschichte der ersten Auflage wie überhaupt des ganzen Unternehmens muten rückblickend abenteuerlich an. Der zweite Band von 1815 musste später großenteils eingestampft werden. Auch die nächste Auflage von 1819 wollte sich nicht wirklich verbreiten - dabei konnte jede Auflage mit neuen Geschichten werben: Von den anfänglich 54 Stücken wuchs die Sammlung schließlich bis zur Auflage letzter Hand auf mehr als 200, also fast
viermal so viel.

Und dennoch konnte man nicht wirklich von einem Erfolg sprechen. Sollte man mehr auf die kindertümliche Linie einschwenken? Dazu angeregt hat die Brüder tatsächlich erst die illustrierte englische Ausgabe von Edgar Taylor von 1823. Hier wurden die Märchen eher witzig und harmlos präsentiert, zumal mit den ansprechenden Illustrationen des bekannten und beliebten Karikaturisten George Cruikshank.

Die sogenannte "Kleine Ausgabe" mit den 50 schönsten Märchen von 1825, von Wilhelm nach englischem Vorbild redigiert, erzielte endlich den ersehnten Erfolg; sie wurde bis zu seinem Tod zehnmal aufgelegt und das Gerücht verbreitete sich, die Deutschen läsen Grimms Märchen gleich nach der Bibel.

Märchen und kein Ende

Seit Grimms Märchenbuch hat die Literaturwissenschaft Märchen interpretiert und eine Fülle von Märchentheorien hervorgebracht. Generationen von Schriftstellern habe sich der Stilmittel des Märchens bedient von Kurt Tucholsky bis Wolf Biermann. Die Kinder- und Jugendliteratur ist ohne Märchenelemente natürlich gar nicht vorstellbar.

Eine Umfrage im deutschen Publikum vom Herbst 2011 hat ergeben, dass zwar Schneewittchen das beliebteste Märchen für deutsche Erwachsene ist, aber Harry Potter das Lieblingsstück für Kinder. Man will es gern glauben: schließlich ist Harry Potter sozusagen mit der Idee des Zauberns verheiratet, und damit mit dem utopischen Feenwesen aller Märchen.

Fans bei der Premiere von "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes"

Fans bei der Premiere von "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes"

Claudia Schmölders | Webfassung: Klaus Rudloff

Letzte Änderung am: 29.01.2012, 10.30 Uhr

Sendezeit Montags von 22.05 bis 23 Uhr.

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