Sendung vom Montag, 27.6.2011 | 22.05 Uhr | SWR2
Zur Geschichte von Schönheitswettbewerben
Von Thomas Macho

Im postindustriellen Zeitalter macht der Körper Arbeit, aber er verrichtet keine mehr. Körper sind keine Produzenten, sondern Produkte, Projekte, Modelle und Bilder. Auch und gerade die Models sind von dieser Entwicklung entscheidend betroffen. Als Supermodels müssen sie ihren Körper zum Markenzeichen werden lassen, jenseits von Lebensalter, Geschlecht oder nationaler Zugehörigkeit. Ihre Körper sind Produkte von Arbeit, Disziplin, Bodybranding. Denn sie müssen immer radikaler modelliert, immer unmöglicheren Anforderungen angepasst werden. Wir leben in einer Kultur der Modelle, in welcher die jeune fille sich in eine Miss verwandelt hat, die Miss in ein Model und das Model in ein 'Ding', das Waren und Personen bis zur Unkenntlichkeit verschmilzt.
Die Erfolgsgeschichte der Schönheitswettbewerbe beginnt im 19. Jahrhundert. Davor verschwinden solche Wettbewerbe im Dickicht lokaler Sitten und Gebräuche und hinter den erhabenen Darstellungen der Mythologie. Gewiss, die Erzählung vom Urteil des Paris – und der Entführung Helenas, Anlass des Trojanischen Kriegs – war schon zu Homers Zeiten bekannt; sie war so bekannt, dass Helenas Schönheit idealisiert oder dämonisiert werden konnte, zum Vexierbild zwischen Hure und Heiliger: vom Lobpreis der Helena, den der Sophist Gorgias aus Sizilien verfasste, bis zur Tragödie des Euripides. Jenseits der Frage nach der mehrfach geraubten Helena gelang es aber erst Lukian, dem genialen Spötter und Aufklärer, die Szene des Paris-Urteils auf ihre landwirtschaftlichen Wurzeln zurückzuführen: Die ersten Schönheitswettbewerbe wurden nicht zwischen Göttinnen, sondern auf Viehmärkten ausgetragen, mit der Ausstellung von Hunden, Vögeln und Geflügel.
Es war der vielleicht bedeutendste Schausteller der Epoche, Phineas Taylor Barnum, der erstmals diese Wettbewerbe in seinem American Museum in New York veranstaltete. Das Museum hatte Barnum 1841 übernommen und rasch zum führenden Unterhaltungs-Etablissement ausgebaut: Er zeigte betriebsame Flöhe, gelehrte Hunde, Jongleure, Automaten, Bauchredner, lebende Bilder, dicke Kinder, Zwerge, Riesen, Seiltänzer, Karikaturen und Pantomimen, Sänger und Tänzer, aber auch Modelle von Dublin, Paris oder den Niagarafällen, sowie amerikanische Indianer mit ihren kriegerischen und religiösen Zeremonien.
Zu seinen berühmtesten Sehenswürdigkeiten gehörten eine (grob gefälschte) Seejungfrau, eine vorgeblich 161 Jahre alte schwarze Frau, der kleinwüchsige Charles S. Stratton, der als General Tom Thumb die europäische Aristokratie faszinierte oder die Opernsängerin Jenny Lind, angepriesen als schwedische Nachtigall.
Beflügelt durch die Popularität der Hunde-, Vögel- und Baby-Shows in seinem American Museum versuchte P.T. Barnum, auch Schönheitswettbewerbe für junge Frauen zu initiieren. Ab Mitte der Fünfzigerjahre inserierte er in verschiedenen Zeitungen, etwa unter der Überschrift »BARNUM’S GALLERY OF AMERICAN BEAUTY« in der New York Tribune vom 23. Juli 1855. Den schönsten Frauen wurden Preise von fünftausend Dollars geboten; sie sollten über sechzehn Jahre alt sein, verheiratet oder ledig.
Um die Entscheidung treffen zu können, sollten Photographien oder Daguerrotypien der schönsten Frauen, aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und Kanadas, mit oder ohne Namen, im American Museum ausgestellt werden, und das Publikum sollte mit Stimmzetteln die Preisträgerinnen wählen. Die zehn Porträts mit den meisten Stimmen sollten gemalt und im französischen "World’s Book of Beauty" publiziert werden.« Vorsorglich hatte Barnum schon am 21. Juni 1855 Briefe an einige Maler geschrieben. Im Vergleich mit den beliebten Baby-Shows war die Gallery of American Beauty freilich ein Misserfolg - sie verletzte offenkundig die damals gültigen Konventionen und Anstandsregeln.
(Auszüge aus dem Manuskript zur Sendung von Thomas Macho. Das vollständige Manuskript können Sie in der rechten Spalte herunter laden)
Letzte Änderung am: 24.06.2011, 13.00 Uhr