Sendung vom Montag, 31.10.2011 | 22.05 Uhr | SWR2
Vom Verschwinden eines Lebensgefühls
Von Stephan Kuß
Im Alltag haben wir keine Scheu, das Wort Ehre in den Mund zu nehmen. Erst mit den Schlagzeilen über die sogenannten Ehrenmorde erscheint uns dieser Begriff, auf unzähligen Festveranstaltungen und Preisverleihungen zum Kuschelwort zerfranst, wieder unvermittelt in seinem ganzen blutigen Ernst. Ehrmotivierte Taten deuten wir als Kennzeichen vormoderner Gesellschaften. Geht die Entwicklung der Zivilisation also zwangsläufig einher mit einer Geringschätzung der Ehre? Müssen wir, um uns modern und fortschrittlich zu fühlen, auf Ehre verzichten? Und was ist eigentlich Ehre? Ein Gefühl, ein emotionaler Ausnahmezustand, eine Respektsbezeugung, eine Achtungsmaßnahme - oder eine Tugend? Ist der tief in seiner Ehre Gekränkte im Grunde ein Neurotiker, der Ehrversessene ein Mensch mit narzisstischer Störung?
Letzte Änderung am: 07.11.2011, 10.52 Uhr