Sendung vom Montag, 28.6.2010 | 22.05 Uhr | SWR2
Zur politischen Ökonomie der Gabe
Von Peter Sloterdijk

Trotz ihrer nominellen Demokratisierung stehen die modernen Gesellschaften mit einem Bein noch immer im tiefen Mittelalter. Das zeigt sich exemplarisch daran, dass die überwältigende Mehrheit der Bürger, Politiker und Experten das System der zwangsweisen Steuererhebung wie eine Naturnotwendigkeit hinnimmt. Auf lange Sicht wird sich eine Gesellschaft nur dann demokratisch nennen dürfen, wenn sie aus der allgemeinen Gebervergessenheit erwacht und das System ihrer fiskalischen Selbstversorgung von Zwangserhebungen auf freiwillig erbrachte Bürgerspenden für das Gemeinwesen umstellt. Nur eine solche Transformation kann die Routinen der Politik- und Staatsverdrossenheit durchbrechen und den fast schon verlorenen Bürgersinn wiederbeleben.
Letzte Änderung am: 11.05.2010, 12.18 Uhr