SWR2 Sendereihe vom April 2006 bis Mai 2007
Wer schreibt eigentlich Musikgeschichte? Sind es nicht zunächst jene Zeitgenossen, die tönende Gebilde in die Welt setzen? Eine Frage, die nur im ersten Moment als selbstverständlich erscheint. Für Armin Köhler, Redakteur beim SWR und Leiter der Donaueschinger Musiktage, Anlass genug, um am Beginn eines neuen Jahrhunderts all jene Komponisten zu befragen, die nach 1950 aus unterschiedlichen Kulturen und Sozialisationen heraus maßgeblich in das "Rad der Geschichte" eingegriffen haben.

Ausgewählt wurden 33 Autoren aus 17 Nationen: Louis Andriessen, Harrison Birtwistle, Juan Allende-Blin, Konrad Boehmer, Pierre Boulez, Elliott Carter, Friedrich Cerha, Paul-Heinz Dittrich, Peter Eötvös, Brian Ferneyhough, Vinko Globokar, Friedrich Goldmann, Cristóbal Halffter, Klaus Huber, Mauricio Kagel, Georg Katzer, Gottfried Michael Koenig, Wilhelm Killmayer, Helmut Lachenmann, György Ligeti, Giacomo Manzoni, Younghi Pagh-Paan, Krzysztof Penderecki, Henri Pousseur, Josef Anton Riedl, Wolfgang Rihm, Frederik Rzewski, Dieter Schnebel, Mathias Spahlinger, Karlheinz Stockhausen, Christian Wolff, Hans Zender, Walter Zimmermann und als Gast der Musikwissenschaftler Heinz-Klaus Metzger. Die Gespräche fanden zwischen Januar 2003 und Sommer 2005 an verschiedenen Orten Europas statt.

Alle Künstler wurden mit den gleichen Fragen konfrontiert. Dies war die konzeptionelle Voraussetzung, um das daraus resultierende 75-stündige Originaltonmaterial in zwei unterschiedlichen radiophonen Formen aufarbeiten zu können. Bei der ersten "sitzen" die "Unvereinbaren" um einen virtuellen radiophonen Tisch, und "diskutieren" über die vorgegebenen Themen. Eine besondere Brisanz erhalten diese Runden durch die Tatsache, dass von Elliott Carter, Jahrgang 1908, bis zu Wolfgang Rihm, Jahrgang 1952, Künstler aus verschiedenen Generationen in einen imaginären Dialog treten.
Zweites Formprinzip sind Hörbilder mit Musik, historischem O-Ton Material und anderen zeitgeschichtlichen Elementen, in denen die einzelnen Komponisten an Hand persönlicher Erlebnisse ihre Perspektive auf die hinterfragten Phänomene schildern. Dabei handelt es sich nicht um Porträtsendungen, sondern um individuelle Blicke auf einen klar umrissenen historischen Zeitraum, fokussiert durch einen speziellen Fragekatalog. Die Erlebte Geschichte ist mithin auch eine Geschichte in Geschichten. Sie dokumentiert vornehmlich Zeitgeschichte.
Musikgeschichte entsteht aber auch vermittels der Fragen, die wir an die tönenden Gebilde richten. So wird Geschichte immer wieder neu geschrieben. Die Fragen der Sendereihe konzentrieren sich sowohl auf kompositionstechnische als auch um zeitgeschichtliche und soziale Komplexe: Gab es sie wirklich, die "heroischen" Lagerkämpfe oder sind sie reine Legende des Feuilletons? Wie war das mit der Kategorie des Neuen in der Musik und war die serielle Kompositionsmethode tatsächlich eine Sackgasse der Geschichte, wie von vielen Publizisten nach wie vor behauptet? Gab es ihn, den Fortschrittswahn in der Kunst? Woher rührt die zentrale Bedeutung der zwölftönigen Kompositionsmethode im europäischen Musikdenken? Stand im Zentrum des Denkens eher das Abschaffen, denn das Schaffen neuer Formen und Werte? War Cage ein Komponist oder doch nur ein Scharlatan? Wo liegen die künstlerischen, politischen und sozialen Wurzeln der einzelnen Lebensläufe? Und wie prägte die Elektrizität das Musikdenken in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?
Mitwirkende:
Regie: Armin Köhler
Assistenz: Martin Hagen, Felicitas Ott
Schnitt und Ton: Marcus Krol, Rudjard Hasel
Internet: Bernd Künzig, Clemens Zoch
Grafik & Fotografie: Rose Pistola
Armin Köhler
Letzte Änderung am: 13.10.2006, 17.08 Uhr
Musikredakteur Armin Köhler im Gespräch mit Stefan Fricke
Armin Köhler, vor einigen Jahren haben Sie mit Hilfe von gut fünfzig AutorInnen die dreijährige SWR2-Sendereihe "Vom Innen und Außen der Klänge" realisiert. Der rund 120-teilige Rückblick auf die Musik des 20. Jahrhunderts war ein großer Publikumserfolg. War das ein Beweggrund für die neue SWR2-Sendereihe mit dem Titel "Erlebte Geschichte"?

In der Hörgeschichte der Musik des 20. Jahrhunderts waren es zuförderst Musikologen und Feuilletonisten, die uns in die Geschichte der Musik der Zeit einführten. Es schien mir an der Zeit, nun nochmals all jene zu befragen, die selbst am Rad der Geschichte mitgedreht haben, die Komponisten. Der Tod von Luciano Berio, der kurz vor dem vereinbarten Interviewtermin starb, war für mich ein deutlicher Fingerzeig dafür, dass die Zeit offenkundig reif ist, wenn man die maßgeblichen Komponisten nochmals en bloc zur Aussage bewegen möchte. Ein weiterer Unterschied zur Hörgeschichte ist, dass ich der einzige Autor der Reihe bin. Bei der spezifischen Anlage der Reihe mit den virtuellen Gesprächsrunden war das eine wichtige Voraussetzung bei der Er- und Bearbeitung des 75-stündigen O-Tonmaterials. Das kann nur funktionieren, wenn einer allein den Überblick bewahrt - was kompliziert genug war.
Als Eyecatcher haben Sie für die "Erlebte Geschichte" das Motiv eines auf einer Treppe stehenden Menschen im Hasenkostüm ausgewählt. Das erinnert an eine Aktion von Joseph Beuys im November 1965 in Düsseldorf. Der Titel: "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt". Ich nehme an, eine zufällige Parallele.
Dem ist so. Wir suchten nach einem Motiv, das visuell auf den ersten Blick (und nur auf den ersten Blick) nicht unmittelbar in Zusammenhang zu bringen ist mit den Inhalten des Sendeplatzes "Neue Musik in SWR2". Es sollte etwas Querständiges sein, ein Paradox, das aber Aufmerksamkeit erheischt. Der Plüschhase auf dem Treppenabsatz, übrigens angelehnt an eine Performance des Bildhauers Maurizio Cattelan, fungiert in diesem Falle gewissermaßen als ironisierender Mutmacher: "Keine Angst vor..." sagen wir: vor dem Kulturradio im allgemeinen oder vor Neuer Musik im besonderen. Schließlich wendet sich die Sendereihe auch an ein Publikum, das sich bislang noch nicht so intensiv mit der Musik der Zeit auseinander gesetzt hat. Und gewiss ist das Hasenmotiv in diesem Zusammenhang auch Zeichen für die ungewöhnliche Aufarbeitung des Materials. Schließlich und endlich ist der Entwurf auch ein Versuch, an einem veränderten Image für die Neue Musik zu basteln.
Im Januar 1966 schrieb der Kunstkritiker Hans Strelow wohl in Anspielung an die Hasen-Aktion über das Beuys'sche Oeuvre: "Eine schöpferische Unsicherheit, die den Betrachter zwingt, die Dinge zu erleben, alles neu zu erfahren."
Wenn man das will, könnte in diesem Moment des Didaktischen eine Analogie zur Beuys'schen Aktion (der allerdings eine viel breitere Palette von Deutungsvarianten innewohnt) gesehen werden. Im Unterschied zu Beuys haben wir es jedoch nicht mit einem toten Hasen zu tun. Im Gegenteil, unsere Hörer sind sehr neugierig und aufgeschlossen. Aber gemeinsam stehen wir alle vor dem Problem, dass auf der einen Seite sich die musikalischen Entwürfe immer stärker ausdifferenzieren und auf der anderen der musikalische Analphabetismus in der Gesellschaft rapide wächst. Die alte Frage "Wie können wir Radiomacher auch mit solch schwierigen Themen wie jenen zur Gegenwartsmusik noch unsere Adressaten erreichen?" stellt sich in solchen Zeiten natürlich besonders nachdrücklich. Wir versuchen es mit neuen radiophonen Formen. Dabei machen wir uns noch stärker als früher bewusst, dass das Radio im Vergleich zum Buch ein viel heißeres Medium ist. Mit ihm kann man viel stärker Emotionen ansprechen und auch unterhalten. Nur man muss es auch tun. Deshalb waren mir bei der "Erlebten Geschichte" Kriterien wie Anschaulichkeit und Detailtreue in der Information ebenso wichtig, wie ein gesundes Moment an Unterhaltung. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, Anekdotisches und historisch aufbereitete Information in ein gutes Verhältnis zu stellen.
Letzte Änderung am: 13.10.2006, 17.08 Uhr
Musikredakteur Armin Köhler im Gespräch mit Stefan Fricke (Teil 2)
Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl Ihrer über dreißig Gesprächspartner festgelegt? Mit Younghi Pagh-Paan ist nur eine einzige Frau vertreten , Steve Reich oder andere Minimalisten kommen gar nicht zur Wort, ebenso wenig so wichtige Komponisten wie Salvatore Sciarrino und Toshio Hosokawa.
Die Liste der fehlenden Namen könnte gewiss noch fortgesetzt werden. Ausgewählt wurden Autoren, die ab 1950 maßgeblich in das Rad der Geschichte eingegriffen haben. Jeder auf seine Weise, jeder in seiner Kultur, in seiner Nation, in seiner Sozialisation. Die Ausgewählten stehen paradigmatisch für bestimmte ästhetische Haltungen, für bestimmte kulturelle, politische und soziale Hintergründe. Damit dürfte klar sein, dass der Akzent auf einer bestimmten Generation liegt. Die Geburtsjahresobergrenze 1952 ist willkürlich gewählt und wissenschaftlich nicht haltbar. Sie ist der Tatsache geschuldet, dass ich als Radiomacher mit Wolfgang Rihm (Jahrgang 1952) unbedingt noch einen besonders eloquenten Gesprächspartner im Boot haben wollte. Younghi Pagh-Paan ist deshalb die einzige Frau in dieser Runde, weil es zum einen in dieser Generation noch nicht so viele komponierende Frauen gab wie heute; zum anderen, weil andere Komponistinnen wie z. B. Sofia Gubaidulina oder Galina Ustolwskaja keine Zeit für ein Interview fanden. Gleiches gilt übrigens auch für Hans Werner Henze und György Kurtág. Mit Luciano Berio als Vertreter Italiens hatte ich ein Interview vereinbart. Er starb allerdings kurz bevor es zum Gespräch kommen konnte. Ich habe mich dann für Giacomo Manzoni entschieden, weil er - und hier kommt wieder mein Medium Radio ins Spiel - gut deutsch spricht. Der wissenschaftliche Wert des umfangreichen O-Tonmaterials kann gewiss nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir sollten uns aber immer vor Augen führen, dass die Interviews ursächlich mit Ziel geführt wurden, daraus für ein deutschsprachiges Radioprogramm interessante, weil anschauliche Sendungen zu machen. Und die Minimalmusik ist mit Louis Andriessen durchaus auch vertreten: Auch wenn er kein orthodoxer Vertreter dieser künstlerischen Haltung ist, so finden sich in seinem Musikdenken doch einige Ansätze, die diesen Bezug zulassen. Ich gestehe aber, Steve Reich beispielsweise hätte ich schon ganz gerne noch dabei gehabt.
Als einziger Nicht-Komponist bzw. als Nichtmehr-Komponist tritt in den Sendungen der "Erlebten Geschichte" sozusagen als ständiger Gast der seit einigen Jahren in Berlin lebende Musiktheoretiker und Publizist Heinz-Klaus Metzger auf ...
Ihn habe ich erst später hinzugezogen. In nahezu allen Gesprächen hatte sich gezeigt, dass Heinz-Klaus Metzgers Ideen und Schriften nach wie vor nachhaltig bewegen. Damit ist für mich so ganz nebenbei ein erneuter Beleg erbracht, dass er der einzige große Musikphilosoph ist, der noch lebt.
Dramaturgisch haben Sie die Sendereihe, zweigeteilt. Zum einen gibt es Soloporträts mit und über Komponisten; zum anderen sogenannte "Virtuelle Gesprächsrunden" zu Themen wie "Musik und Politik", "Postmoderne", "Darmstadt", "John Cage" oder "Serialismus". Inwiefern unterscheiden sich diese beiden Formate von Sendungen, die wir bisher auf dem Sendeplatz von SWR2 Klangraum: JetztMusik hören konnten?
Geschichte wird zu jeder Zeit neu geschrieben, gespeist aus dem Geist der jeweiligen Zeit. Mir schien es daher spannend, eine fest umrissene Gruppe von Künstlern, innerhalb eines fest umrissenen engen Zeitrahmens, fokussiert auf klar konturierte eingegrenzte Themenkomplexe zu befragen. Ich habe daher alle Komponisten mit den gleichen Fragen konfrontiert. Dies war die Voraussetzung für die Realisierung der Idee, aus dem umfangreichen O-Tonmaterial virtuelle Gesprächsrunden zu entwerfen: Und da sitzen sie vereint, die mittlerweile Unvereinbaren, an einem virtuellen Tisch und sprechen über Themen, die uns auch heute noch bewegen. Eine besondere Brisanz erhalten die Gesprächsrunden durch die Tatsache, dass von Elliot Carter (Jahrgang 1908), der noch bei Charles Ives Klavierunterricht hatte, bis zu Wolfgang Rihm Künstler aus mehreren Generationen in einen Dialog treten. Die Fragen drehen sich sowohl um kompositionstechnische als auch zeitgeschichtliche und soziale Komplexe: Gab es sie wirklich, die "heroischen" Lagerkämpfe oder sind sie reine Legende des Feuilletons? Wie war das mit der Kategorie des Neuen in der Musik und war die serielle Kompositionsmethode tatsächlich eine Sackgasse der Geschichte, wie von vielen Publizisten nach wie vor behauptet? Gab es ihn, den Fortschrittswahn in der Kunst? Woher rührt die zentrale Bedeutung der zwölftönigen Kompositionsmethode im europäischen Musikdenken? Stand im Zentrum des Denkens eher das Abschaffen denn das Schaffen neuer Formen und Werte? War Cage ein Komponist oder doch nur Scharlatan? Wo liegen die künstlerischen, politischen und sozialen Wurzeln der einzelnen Lebensläufe? Und wie prägte die Erfindung der Elektrizität das Musikdenken in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Der holzschnittartige und abstrakt gehaltene Fragetypus war dabei die Voraussetzung, um die breite Palette unterschiedlicher ästhetischer Haltungen und Prägungen abdecken zu können.
Bei der von Ihnen erwähnten zweiten Sendeform handelt es sich nicht um Porträtsendungen. Ich nenne sie Hörbilder - mit Musik, historischem O-Ton Material und anderen zeitgeschichtlichen Elementen, in denen die einzelnen Komponisten an Hand persönlicher Erlebnisse ihre Perspektive auf die hinterfragten Phänomene schildern. Insofern ist die "Erlebte Geschichte" auch eine Geschichte in Geschichten, in denen Zeitgeschichtliches im Zentrum steht.
Letzte Änderung am: 13.10.2006, 17.08 Uhr
Armin Köhler im Gespräch mit dem Musikjournalisten Stefan Fricke (Teil 3)
Noch eine Nachfrage zur Gestaltung der Sendungen. Wie haben Sie das Verhältnis von Kunstklang und Sprache, Musik und Originalton, Komposition und Kommentar ausgerichtet? Werden wir überhaupt ganze Stücke hören, vielleicht sogar manche historische Rarität, oder haben die eingespielten Klangbeispiele die in Radiofeatures weitverbreitete Rolle eines akustischen Szenevorhangs?
Die virtuellen Gesprächrunden sind wie übliche Roundtables gehalten. In den ersten Sendungen hört der geschulte Hörer gewiss eine formale Unsicherheit im Konzept. Spätere Sendungen sind formal deutliche schnörkellose Gesprächsrunden, in denen die Musik eine rein gliedernde oder auch erläuternde Funktion hat. Im Unterschied zur "normalen" Gesprächsrunde werden einzelne Gedanken nur relativ selten fortgesponnen, Statementartiges überwiegt. Das liegt in der Natur der Sache. Der Vorteil einer virtuellen Runde ist jedoch deren Prägnanz und Konzentriertheit. Bei der zweiten Sendeform der "Erlebten Geschichte", den Hörbildern, fehlen sowohl Kommentare, wie bei Features ansonsten üblich, als auch komplette Musikstücke. Zu hören ist ein collageartiges Gemisch aus Sprache, Musik, historischem O-Tonmaterial, Zitatmaterial und historischem Geräuschmaterial, das innerhalb der Sendung die Funktion hat, eine Atmosphäre aufzubauen oder aber auf ein dann in der Folge vom jeweiligen Komponisten erläutertes Phänomen oder Ereignis hinzuführen bzw. dieses weiterzuspinnen. Insofern ist das Bild vom akustischen Szenevorhang sehr gut gewählt.
Mit den über 75 Stunden O-Ton-Material, liegt eine stattliche Fundgrube von Äußerungen aus erster Hand zu den unterschiedlichsten Aspekten vor. Denken Sie schon jetzt daran, diese Gespräche auch nach Ablauf der Sendereihe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, etwa in Form des transkribierten Gesprächs oder als CD-Dokumentation?
Ja, daran ist gedacht. Hierfür suchen wir jedoch noch potente Geldgeber. Ziel ist es, das Material für mehrere Medien aufzuarbeiten, mediengerecht und zielgruppenorientiert. Für Musikhistoriker wäre selbstverständlich darüber hinaus eine Aufarbeitung der kompletten Interviews wichtig. Was jetzt vorliegt, ist nicht mehr und nicht weniger als eine radiophone Aufarbeitung des Materials - mit harten Schnitten und Kontextverschiebungen. Und das ist eine ganz andere Ebene. Aber genau um diese geht es in der "Erlebten Geschichte".
Zum Schluss noch eine Frage an den Interviewer Armin Köhler. Welche Ihnen zuvor unbekannten Geschichten haben Sie selbst in den Gesprächen erlebt, von denen wir, die Hörer, ja nur ausgewählte Ausschnitte erfahren werden?
Überraschend für mich war die Tatsache, wie nachhaltig doch "alte" Feindbilder gepflegt werden, bis ins hohe Alter hinein - Varése und Nono mögen hierfür symptomatisch stehen. Oder aber, wie frühzeitig und genau man vor 1945 in Südamerika über die Neue-Musik-Entwicklung in Europa informiert war. In diesem Zusammenhang steht der wichtige Hinweis von Juan Allende-Blin, dass doch wohl die wichtigsten "Vorarbeiten" für die serielle Kompositionsmethode nicht von Messiaen erbracht wurden, sondern von Ivan Wyschnegradski. Da gibt es offenkundig einiges aufzuarbeiten. Überraschend auch die vielen selbstkritischen Töne und die Verdrängungsmechanismen. Ansonsten waren für mich viele Anekdoten neu, aber auch daraus lässt sich letztendlich viel Hinter- und Abgründiges ablesen.
Das Interview führte Stefan Fricke. Es ist in Teilen erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik, Ausgabe März/April 2006.
Letzte Änderung am: 13.10.2006, 17.08 Uhr