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Radio im SWR

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InterviewNeue Musik als lebendige Radiogeschichte

Armin Köhler im Gespräch mit dem Musikjournalisten Stefan Fricke (Teil 3)

Noch eine Nachfrage zur Gestaltung der Sendungen. Wie haben Sie das Verhältnis von Kunstklang und Sprache, Musik und Originalton, Komposition und Kommentar ausgerichtet? Werden wir überhaupt ganze Stücke hören, vielleicht sogar manche historische Rarität, oder haben die eingespielten Klangbeispiele die in Radiofeatures weitverbreitete Rolle eines akustischen Szenevorhangs?

Die virtuellen Gesprächrunden sind wie übliche Roundtables gehalten. In den ersten Sendungen hört der geschulte Hörer gewiss eine formale Unsicherheit im Konzept. Spätere Sendungen sind formal deutliche schnörkellose Gesprächsrunden, in denen die Musik eine rein gliedernde oder auch erläuternde Funktion hat. Im Unterschied zur "normalen" Gesprächsrunde werden einzelne Gedanken nur relativ selten fortgesponnen, Statementartiges überwiegt. Das liegt in der Natur der Sache. Der Vorteil einer virtuellen Runde ist jedoch deren Prägnanz und Konzentriertheit. Bei der zweiten Sendeform der "Erlebten Geschichte", den Hörbildern, fehlen sowohl Kommentare, wie bei Features ansonsten üblich, als auch komplette Musikstücke. Zu hören ist ein collageartiges Gemisch aus Sprache, Musik, historischem O-Tonmaterial, Zitatmaterial und historischem Geräuschmaterial, das innerhalb der Sendung die Funktion hat, eine Atmosphäre aufzubauen oder aber auf ein dann in der Folge vom jeweiligen Komponisten erläutertes Phänomen oder Ereignis hinzuführen bzw. dieses weiterzuspinnen. Insofern ist das Bild vom akustischen Szenevorhang sehr gut gewählt.

Mit den über 75 Stunden O-Ton-Material, liegt eine stattliche Fundgrube von Äußerungen aus erster Hand zu den unterschiedlichsten Aspekten vor. Denken Sie schon jetzt daran, diese Gespräche auch nach Ablauf der Sendereihe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, etwa in Form des transkribierten Gesprächs oder als CD-Dokumentation?

Ja, daran ist gedacht. Hierfür suchen wir jedoch noch potente Geldgeber. Ziel ist es, das Material für mehrere Medien aufzuarbeiten, mediengerecht und zielgruppenorientiert. Für Musikhistoriker wäre selbstverständlich darüber hinaus eine Aufarbeitung der kompletten Interviews wichtig. Was jetzt vorliegt, ist nicht mehr und nicht weniger als eine radiophone Aufarbeitung des Materials - mit harten Schnitten und Kontextverschiebungen. Und das ist eine ganz andere Ebene. Aber genau um diese geht es in der "Erlebten Geschichte".

Zum Schluss noch eine Frage an den Interviewer Armin Köhler. Welche Ihnen zuvor unbekannten Geschichten haben Sie selbst in den Gesprächen erlebt, von denen wir, die Hörer, ja nur ausgewählte Ausschnitte erfahren werden?

Überraschend für mich war die Tatsache, wie nachhaltig doch "alte" Feindbilder gepflegt werden, bis ins hohe Alter hinein - Varése und Nono mögen hierfür symptomatisch stehen. Oder aber, wie frühzeitig und genau man vor 1945 in Südamerika über die Neue-Musik-Entwicklung in Europa informiert war. In diesem Zusammenhang steht der wichtige Hinweis von Juan Allende-Blin, dass doch wohl die wichtigsten "Vorarbeiten" für die serielle Kompositionsmethode nicht von Messiaen erbracht wurden, sondern von Ivan Wyschnegradski. Da gibt es offenkundig einiges aufzuarbeiten. Überraschend auch die vielen selbstkritischen Töne und die Verdrängungsmechanismen. Ansonsten waren für mich viele Anekdoten neu, aber auch daraus lässt sich letztendlich viel Hinter- und Abgründiges ablesen.

Das Interview führte Stefan Fricke. Es ist in Teilen erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik, Ausgabe März/April 2006.

Letzte Änderung am: 22.11.2006, 17.28 Uhr

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