Seite vorlesen:
Musikredakteur Armin Köhler im Gespräch mit Stefan Fricke (Teil 2)
Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl Ihrer über dreißig Gesprächspartner festgelegt? Mit Younghi Pagh-Paan ist nur eine einzige Frau vertreten , Steve Reich oder andere Minimalisten kommen gar nicht zur Wort, ebenso wenig so wichtige Komponisten wie Salvatore Sciarrino und Toshio Hosokawa.
Die Liste der fehlenden Namen könnte gewiss noch fortgesetzt werden. Ausgewählt wurden Autoren, die ab 1950 maßgeblich in das Rad der Geschichte eingegriffen haben. Jeder auf seine Weise, jeder in seiner Kultur, in seiner Nation, in seiner Sozialisation. Die Ausgewählten stehen paradigmatisch für bestimmte ästhetische Haltungen, für bestimmte kulturelle, politische und soziale Hintergründe. Damit dürfte klar sein, dass der Akzent auf einer bestimmten Generation liegt. Die Geburtsjahresobergrenze 1952 ist willkürlich gewählt und wissenschaftlich nicht haltbar. Sie ist der Tatsache geschuldet, dass ich als Radiomacher mit Wolfgang Rihm (Jahrgang 1952) unbedingt noch einen besonders eloquenten Gesprächspartner im Boot haben wollte. Younghi Pagh-Paan ist deshalb die einzige Frau in dieser Runde, weil es zum einen in dieser Generation noch nicht so viele komponierende Frauen gab wie heute; zum anderen, weil andere Komponistinnen wie z. B. Sofia Gubaidulina oder Galina Ustolwskaja keine Zeit für ein Interview fanden. Gleiches gilt übrigens auch für Hans Werner Henze und György Kurtág. Mit Luciano Berio als Vertreter Italiens hatte ich ein Interview vereinbart. Er starb allerdings kurz bevor es zum Gespräch kommen konnte. Ich habe mich dann für Giacomo Manzoni entschieden, weil er - und hier kommt wieder mein Medium Radio ins Spiel - gut deutsch spricht. Der wissenschaftliche Wert des umfangreichen O-Tonmaterials kann gewiss nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir sollten uns aber immer vor Augen führen, dass die Interviews ursächlich mit Ziel geführt wurden, daraus für ein deutschsprachiges Radioprogramm interessante, weil anschauliche Sendungen zu machen. Und die Minimalmusik ist mit Louis Andriessen durchaus auch vertreten: Auch wenn er kein orthodoxer Vertreter dieser künstlerischen Haltung ist, so finden sich in seinem Musikdenken doch einige Ansätze, die diesen Bezug zulassen. Ich gestehe aber, Steve Reich beispielsweise hätte ich schon ganz gerne noch dabei gehabt.
Als einziger Nicht-Komponist bzw. als Nichtmehr-Komponist tritt in den Sendungen der "Erlebten Geschichte" sozusagen als ständiger Gast der seit einigen Jahren in Berlin lebende Musiktheoretiker und Publizist Heinz-Klaus Metzger auf ...
Ihn habe ich erst später hinzugezogen. In nahezu allen Gesprächen hatte sich gezeigt, dass Heinz-Klaus Metzgers Ideen und Schriften nach wie vor nachhaltig bewegen. Damit ist für mich so ganz nebenbei ein erneuter Beleg erbracht, dass er der einzige große Musikphilosoph ist, der noch lebt.
Dramaturgisch haben Sie die Sendereihe, zweigeteilt. Zum einen gibt es Soloporträts mit und über Komponisten; zum anderen sogenannte "Virtuelle Gesprächsrunden" zu Themen wie "Musik und Politik", "Postmoderne", "Darmstadt", "John Cage" oder "Serialismus". Inwiefern unterscheiden sich diese beiden Formate von Sendungen, die wir bisher auf dem Sendeplatz von SWR2 Klangraum: JetztMusik hören konnten?
Geschichte wird zu jeder Zeit neu geschrieben, gespeist aus dem Geist der jeweiligen Zeit. Mir schien es daher spannend, eine fest umrissene Gruppe von Künstlern, innerhalb eines fest umrissenen engen Zeitrahmens, fokussiert auf klar konturierte eingegrenzte Themenkomplexe zu befragen. Ich habe daher alle Komponisten mit den gleichen Fragen konfrontiert. Dies war die Voraussetzung für die Realisierung der Idee, aus dem umfangreichen O-Tonmaterial virtuelle Gesprächsrunden zu entwerfen: Und da sitzen sie vereint, die mittlerweile Unvereinbaren, an einem virtuellen Tisch und sprechen über Themen, die uns auch heute noch bewegen. Eine besondere Brisanz erhalten die Gesprächsrunden durch die Tatsache, dass von Elliot Carter (Jahrgang 1908), der noch bei Charles Ives Klavierunterricht hatte, bis zu Wolfgang Rihm Künstler aus mehreren Generationen in einen Dialog treten. Die Fragen drehen sich sowohl um kompositionstechnische als auch zeitgeschichtliche und soziale Komplexe: Gab es sie wirklich, die "heroischen" Lagerkämpfe oder sind sie reine Legende des Feuilletons? Wie war das mit der Kategorie des Neuen in der Musik und war die serielle Kompositionsmethode tatsächlich eine Sackgasse der Geschichte, wie von vielen Publizisten nach wie vor behauptet? Gab es ihn, den Fortschrittswahn in der Kunst? Woher rührt die zentrale Bedeutung der zwölftönigen Kompositionsmethode im europäischen Musikdenken? Stand im Zentrum des Denkens eher das Abschaffen denn das Schaffen neuer Formen und Werte? War Cage ein Komponist oder doch nur Scharlatan? Wo liegen die künstlerischen, politischen und sozialen Wurzeln der einzelnen Lebensläufe? Und wie prägte die Erfindung der Elektrizität das Musikdenken in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Der holzschnittartige und abstrakt gehaltene Fragetypus war dabei die Voraussetzung, um die breite Palette unterschiedlicher ästhetischer Haltungen und Prägungen abdecken zu können.
Bei der von Ihnen erwähnten zweiten Sendeform handelt es sich nicht um Porträtsendungen. Ich nenne sie Hörbilder - mit Musik, historischem O-Ton Material und anderen zeitgeschichtlichen Elementen, in denen die einzelnen Komponisten an Hand persönlicher Erlebnisse ihre Perspektive auf die hinterfragten Phänomene schildern. Insofern ist die "Erlebte Geschichte" auch eine Geschichte in Geschichten, in denen Zeitgeschichtliches im Zentrum steht.
Letzte Änderung am: 22.11.2006, 17.26 Uhr