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Musikredakteur Armin Köhler im Gespräch mit Stefan Fricke
Armin Köhler, vor einigen Jahren haben Sie mit Hilfe von gut fünfzig AutorInnen die dreijährige SWR2-Sendereihe "Vom Innen und Außen der Klänge" realisiert. Der rund 120-teilige Rückblick auf die Musik des 20. Jahrhunderts war ein großer Publikumserfolg. War das ein Beweggrund für die neue SWR2-Sendereihe mit dem Titel "Erlebte Geschichte"?

In der Hörgeschichte der Musik des 20. Jahrhunderts waren es zuförderst Musikologen und Feuilletonisten, die uns in die Geschichte der Musik der Zeit einführten. Es schien mir an der Zeit, nun nochmals all jene zu befragen, die selbst am Rad der Geschichte mitgedreht haben, die Komponisten. Der Tod von Luciano Berio, der kurz vor dem vereinbarten Interviewtermin starb, war für mich ein deutlicher Fingerzeig dafür, dass die Zeit offenkundig reif ist, wenn man die maßgeblichen Komponisten nochmals en bloc zur Aussage bewegen möchte. Ein weiterer Unterschied zur Hörgeschichte ist, dass ich der einzige Autor der Reihe bin. Bei der spezifischen Anlage der Reihe mit den virtuellen Gesprächsrunden war das eine wichtige Voraussetzung bei der Er- und Bearbeitung des 75-stündigen O-Tonmaterials. Das kann nur funktionieren, wenn einer allein den Überblick bewahrt - was kompliziert genug war.
Als Eyecatcher haben Sie für die "Erlebte Geschichte" das Motiv eines auf einer Treppe stehenden Menschen im Hasenkostüm ausgewählt. Das erinnert an eine Aktion von Joseph Beuys im November 1965 in Düsseldorf. Der Titel: "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt". Ich nehme an, eine zufällige Parallele.
Dem ist so. Wir suchten nach einem Motiv, das visuell auf den ersten Blick (und nur auf den ersten Blick) nicht unmittelbar in Zusammenhang zu bringen ist mit den Inhalten des Sendeplatzes "Neue Musik in SWR2". Es sollte etwas Querständiges sein, ein Paradox, das aber Aufmerksamkeit erheischt. Der Plüschhase auf dem Treppenabsatz, übrigens angelehnt an eine Performance des Bildhauers Maurizio Cattelan, fungiert in diesem Falle gewissermaßen als ironisierender Mutmacher: "Keine Angst vor..." sagen wir: vor dem Kulturradio im allgemeinen oder vor Neuer Musik im besonderen. Schließlich wendet sich die Sendereihe auch an ein Publikum, das sich bislang noch nicht so intensiv mit der Musik der Zeit auseinander gesetzt hat. Und gewiss ist das Hasenmotiv in diesem Zusammenhang auch Zeichen für die ungewöhnliche Aufarbeitung des Materials. Schließlich und endlich ist der Entwurf auch ein Versuch, an einem veränderten Image für die Neue Musik zu basteln.
Im Januar 1966 schrieb der Kunstkritiker Hans Strelow wohl in Anspielung an die Hasen-Aktion über das Beuys'sche Oeuvre: "Eine schöpferische Unsicherheit, die den Betrachter zwingt, die Dinge zu erleben, alles neu zu erfahren."
Wenn man das will, könnte in diesem Moment des Didaktischen eine Analogie zur Beuys'schen Aktion (der allerdings eine viel breitere Palette von Deutungsvarianten innewohnt) gesehen werden. Im Unterschied zu Beuys haben wir es jedoch nicht mit einem toten Hasen zu tun. Im Gegenteil, unsere Hörer sind sehr neugierig und aufgeschlossen. Aber gemeinsam stehen wir alle vor dem Problem, dass auf der einen Seite sich die musikalischen Entwürfe immer stärker ausdifferenzieren und auf der anderen der musikalische Analphabetismus in der Gesellschaft rapide wächst. Die alte Frage "Wie können wir Radiomacher auch mit solch schwierigen Themen wie jenen zur Gegenwartsmusik noch unsere Adressaten erreichen?" stellt sich in solchen Zeiten natürlich besonders nachdrücklich. Wir versuchen es mit neuen radiophonen Formen. Dabei machen wir uns noch stärker als früher bewusst, dass das Radio im Vergleich zum Buch ein viel heißeres Medium ist. Mit ihm kann man viel stärker Emotionen ansprechen und auch unterhalten. Nur man muss es auch tun. Deshalb waren mir bei der "Erlebten Geschichte" Kriterien wie Anschaulichkeit und Detailtreue in der Information ebenso wichtig, wie ein gesundes Moment an Unterhaltung. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, Anekdotisches und historisch aufbereitete Information in ein gutes Verhältnis zu stellen.
Letzte Änderung am: 22.11.2006, 17.23 Uhr