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20 Fragen an 48 Musikerinnen Spannende Lektüre

Buchkritik vom 14.10.2015

Nicht die Jazz-„History“ ist hier Thema. In dem Sammelband „giving birth to sound“ werden die „Her-Stories“ dieser lange Zeit sehr männlich dominierten Musik erzählt. Knapp 50 Improvisatorinnen aus verschiedenen Generationen, aus verschiedenen Szenen und von verschiedenen Kontinenten wurden dafür von Renate da Rin und William Parker interviewt. Julia Neupert hat das Buch gelesen.

Buch-Cover giving birth to sound

Buch

renate da rin (ed.) | william Parker (coed.) | giving birth to sound - women in creative music

Verlag:
buddy’s knife jazz edition
Genre:
Sachbuch
Preis:
24,-- €
Bestellnummer:
ISBN 978-3-00-049279-2

Frau oder Mann? Musikerin oder Musiker? Bassistin oder Bassist? Akustisch ist das nicht zu unterscheiden – und spielt eben auch überhaupt keine Rolle! Darüber sind sich die meisten der in „giving birth to sound“ befragten Pianistinnen, Gitarristinnen, Saxophonistinnen, Schlagzeugerinnen, Sängerinnen, Geigerinnen, Bassistinnen einig: Einen grundlegenden Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Kreativität gibt es nicht. Genauso wenig wie den typisch femininen Sound. Was es – wie überall in der Gesellschaft – aber auch im Jazz und der improvisierten Musik nach wie vor gibt, sind Klischees, Vorurteile, Stereotype, mit denen Frauen hier immer wieder konfrontiert werden. Heutzutage kommen die übrigens eher von Veranstalter- und Publikumsseite als aus den Reihen der männlichen Kollegen, von denen es für viele seit langem selbstverständlich ist, auch mit Musikerinnen auf die Bühne und ins Studio zu gehen.

Und so ist es auch keine Überraschung, dass William Parker bei diesem Buchprojekt Co-Herausgeber ist. Der Bassist und Mitbegründer des New Yorker Vision-Festivals engagiert sich seit Jahrzehnten über die Free Jazz-Szene hinaus gegen jegliche Form von Diskriminierung und sozialer Ungerechtigkeit. Mit einigen der interviewten Musikerinnen hat er selbst schon gearbeitet, viele haben auf dem Vision Festival gespielt – Vertreterinnen der amerikanischen Black Free Jazz Community genauso wie europäische Improvisatorinnen. Da gibt es prominente Namen wie Joelle Leandre, Shelley Hirsch, Marilyn Crispell, Lotte Anker, Jay Clayton, Erika Stucky oder Ingrid Laubrock, aber auch (zumindest für mich) unbekanntere wie Christiane Bopp, Alexandra Grimal, Maggie Payne oder Sumi Tonooka. Dass auch etliche Grand Dames wie zum Beispiel Irene Schweizer oder wichtige Stimmen der zeitgenössischen Szene wie Matana Roberts fehlen, ist schade – aber zum einen erhebt der Band an keiner Stelle einen lexikalischen Anspruch oder täuscht eine repräsentative Studie vor. Zum anderen ist es gerade die Mischung der Interviews mit so unterschiedlichen und natürlich auch unterschiedlich erfolgreichen Musikerinnen, die die Lektüre so spannend macht.

Für die Interviews haben Renate da Rin und William Parker jeweils 20 Fragen an die Musikerinnen geschickt – zu Biografie und Werdegang, zu individuellen Erfahrungen mit ihrem Frau-Sein als Künstlerin, zu kreativen Prozessen, aber auch zu Haltungen gegenüber grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen. Die Antworten sind nicht nur unterschiedlich lang, sondern auch von sehr unterschiedlicher Textqualität – manche lesen sich tatsächlich als ein sachliches Interview, manche wie ein plaudernder Tagebucheintrag, manche eher wie ein reflektierter Essay, manche wie ein kämpferisches Manifest und manche sogar wie Poesie.

Tatsächlich scheint man in den Beiträgen der älteren Musikerinnen auch oft eine andere Vehemenz zu spüren, wenn es um das Einfordern von Gleichberechtigung geht. Das mag mit Erfahrungen zusammenhängen, die sie im Gegensatz zu ihren jüngeren Kolleginnen schon gemacht haben oder aber – und das wäre natürlich die schönere Schlussfolgerung: Es hat sich seit den 1960er Jahren inzwischen wirklich schon etwas geändert.

Buchkritik vom 14.10.2015 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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