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SWR2 Alte Musik | "Golden Label" des belgischen Magazins "Klassiek Centraal" Notker Balbulus - Sequenzen, Tropen & Gregorianischer Choral

Musikalische Schätze aus der Stiftsbibliothek St. Gallen

Sendung vom Donnerstag, 25.11.2010 | 20.03 Uhr | SWR2

Die CD "Notker Balbulus ", eine Ko-Produktion des SWR-Studios Tübingen mit der Stiftsbibliothek St. Gallen, erhält den "Golden Label" des belgischen Magazins "Klassiek Centraal".

Balbulus, zu deutsch "Notker der Stammler", war ein bedeutender Gelehrter der Karolingerzeit. Er wirkte um 900 im Kloster St. Gallen. Notkers 883 entstandenes Werk "Gesta Karoli Magni" gilt als eines der schönsten Erzählbücher des deutschen Mittelalters. Mit seinen vierzig lateinischen Sequenzen (Liber hymnorum, um 884) wurde er zum wichtigsten geistlichen Lyriker der mittellateinischen Literatur.

Prof. Stefan Johannes Morent, Musikwissenschaftler und Leiter des Ensembles Ordo Virtutum

Prof. Dr. Stefan Johannes Morent

Das Ensemble "Ordo Virtutum" hat unter Leitung des Musikwissenschaftlers Prof. Dr. Stefan Johannes Morent Dichtung und Musik von Notker Balbulus aus den Originalhandschriften des 9. Jahrhunderts eingespielt, die in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrt werden. Eine Kooperation des SWR Studios Tübingen mit der Stiftsbibliothek St. Gallen machte diese Aufnahmen möglich. Das Ensemble "Ordo Virtutum" nahm Sequenzen von Notker und Gregorianischen Choral im Kloster Bebenhausen bei Tübingen auf.

Die mittelalterlichen Werke erscheinen beim Label Christophorus Ende 2010 auf CD. Aber nicht nur dies: sie werden später auch in der virtuellen Handschriften-Bibliothek der Schweiz zu finden sein. Die Stiftsbibliothek St. Gallen stellt die Aufnahmen als Audio-Dateien im Internet parallel zu den digitalisierten Seiten der Handschriften zum Anhören zur Verfügung.

Die mittelalterliche Musik aus Originalhandschriften des 9. Jahrhunderts ist damit nicht mehr nur optisch, sondern auch akustisch nachvollziehbar. So entsteht ein Beitrag zum Aufbau einer virtuellen multimedialen Klosterbibliothek des Mittelalters, das Projekt des SWR mit der Stiftsbibliothek St. Gallen findet Anschluss an eines der bedeutendsten und renommiertesten Digitalisierungsprojekte der Gegenwart.

Eine Kostprobe der musikalischen Schätze der Stiftsbibliothek St. Gallen finden Sie in unserer Bildergalerie zum Anschauen und Anhören:

Anlässlich der Eröffnung der großen Ausstellung "Musikhandschriften in St. Gallen" wurde die SWR-Produktion am 28. November 2010auch im Konzert vorgestellt. Die Sendung "Alte Musik" - die auch als Audio zum Herunterladen angeboten wird - bietet einen Einblick in das Projekt und in die Musik Notkers. Anette Sidhu-Ingenhoff sprach mit Dr. Ernst Tremp von der Stiftsbibliothek St. Gallen, mit den Ausstellungskuratoren und mit Stefan Morent, dem Leiter des Ensembles "Ordo Virtutum".

CD

Titel der Reihe:
Notker Balbulus - Sequenzen, Tropen & Gregorianischer Choral
Interpret:
Ordo virtutum, Leitung: Stefan Morent
Komponist:
Notker Balbulus
Verlag:
Christophorus Verlag
Produktion:
2010
Genre:
Alte Musik
Veröffentlichung:
Ende 2010

Anette Sidhu-Ingenhoff

Letzte Änderung am: 06.06.2011, 17.00 Uhr



Notker der DichterDie Ursprünge der gesamten kirchlichen Musik

Handschriften des Klosters St. Gallen werden in einer Ausstellung und im Internet zugänglich gemacht.

Die Kathedrale und der Stiftsbezirk St. Gallen in St. Gallen

Kathedrale und Stiftsbezirk St. Gallen

Wer kennt sie nicht: die schlichten Gesänge, die man gelegentlich in Gottesdiensten als gregorianischen Choral hört. Dass hier hochspannende Geschichten um die Anfänge der Musik in Europa wirksam sind, ist kaum zu vermuten. Und doch: die geistigen Wurzeln der gesamten abendländischen Kultur entfalteten sich seit den Karolingern in den Klöstern, gerade auch die Musik. Und es ist im Besonderen das Kloster St. Gallen in der Schweiz, wo man fündig wird: hier sind noch die wichtigsten Handschriften der Musikgeschichte im Original zu bestaunen, manche dieser Bücher sind über 1100 Jahre alt.

Grundlage für geistliche Kompositionen aller Art

In St. Gallen liegen die Ursprünge der gesamten kirchlichen Musik, wie sie bis heute bekannt ist. Über Jahrhunderte war dies die Grundlage für geistliche Kompositionen aller Art, die sich im Lauf der Zeit zwar stilistisch veränderten, ohne diese Basis aber nicht auskamen. In St. Gallen wurde die Neumennotation zur Perfektion gebracht, eine frühmittelalterliche Notenschrift, mit der erstmals sämtliche Melodien des gregorianischen Chorals schriftlich festgehalten wurden. Hier lebten die Mönche Notker Balbulus und Tuotilo, die die Gattungen "Sequenz" und "Tropus" begründet haben.

Die Fürstabtei St. Gallen war eine Benediktinerabtei und neben Säckingen das älteste Kloster im alemannischen Raum. Bis 1798 war der Abt Reichsfürst mit Sitz im Reichstag. Der Konvent wurde 719 von Othmar zu Ehren des Heiligen Gallus an dessen Wallfahrtsort gegründet, er bestand über viele Jahrhunderte ununterbrochen. Erst in der Säkularisation hob ihn der große Rat von St. Gallen 1805 endgültig auf. In den barocken Prachtbauten auf dem großflächigen Areal sind heute Regierungssitz und Schule untergebracht. Doch noch immer steht dem Publikum der unvergleichlich schöne spätbarocke Bibliothekssaal zu Verfügung.

Für ein Jahr werden die musikalischen Quellen des Klosters jetzt in einer umfassenden Ausstellung mit dem Titel „Musik im Kloster St. Gallen“ der Öffentlichkeit vorgestellt. In einer außergewöhnlichen Kooperation zwischen dem SWR Studio Tübingen und dem Kloster St. Gallen entstand der Plan, Teile des musikalischen Quellenmaterials auch als Klangerlebnis zu realisieren, die Kompositionen aufzunehmen und parallel zur Ausstellung zu veröffentlichen. Das Ensemble "Ordo Virtutum" und sein Leiter, der Musikwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Johannes Morent aus Tübingen, entschieden sich, die Musik von Notker dem Stammler aufzunehmen.


Musik in der virtuellen Handschriften-Bibliothek der Schweiz

Die vom SWR aufgenommene Musik wird nicht nur als CD zu erwerben, sondern später auch in der virtuellen Handschriften-Bibliothek der Schweiz zu finden sein. Hier wird Mittelalterforschung mit den modernsten Methoden der Internet-Technologie verbunden. Die wertvollen Dokumente werden fotografiert und als Digitalseite ins Internet eingestellt. Das zeitaufwändige Projekt wird ermöglicht durch eine Zusammenarbeit der Universität Fribourg und der Stiftsbibliothek St. Gallen mit der amerikanischen Stiftung Mellon Foundation, die das Vorhaben finanziell fördert. Auf Internetseiten sind die Handschriften nun einsehbar und können von der Forschung weltweit genutzt werden. Die Aufnahmen der SWR-Produktion ermöglichen den Nutzern künftig, einige dieser Handschriften auch klingend zu erleben.


CD

Titel der Reihe:
Notker Balbulus - Sequenzen, Tropen & Gregorianischer Choral
Interpret:
Ordo virtutum, Leitung: Stefan Morent
Komponist:
Notker Balbulus
Verlag:
Christophorus Verlag
Produktion:
2010
Genre:
Alte Musik
Veröffentlichung:
Ende 2010

Anette Sidhu-Ingenhoff / Webfassung: Gabriele Heuer

Letzte Änderung am: 06.06.2011, 17.00 Uhr