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Notker der DichterDie Ursprünge der gesamten kirchlichen Musik

Handschriften des Klosters St. Gallen werden in einer Ausstellung und im Internet zugänglich gemacht.

Die Kathedrale und der Stiftsbezirk St. Gallen in St. Gallen

Kathedrale und Stiftsbezirk St. Gallen

Wer kennt sie nicht: die schlichten Gesänge, die man gelegentlich in Gottesdiensten als gregorianischen Choral hört. Dass hier hochspannende Geschichten um die Anfänge der Musik in Europa wirksam sind, ist kaum zu vermuten. Und doch: die geistigen Wurzeln der gesamten abendländischen Kultur entfalteten sich seit den Karolingern in den Klöstern, gerade auch die Musik. Und es ist im Besonderen das Kloster St. Gallen in der Schweiz, wo man fündig wird: hier sind noch die wichtigsten Handschriften der Musikgeschichte im Original zu bestaunen, manche dieser Bücher sind über 1100 Jahre alt.

Grundlage für geistliche Kompositionen aller Art

In St. Gallen liegen die Ursprünge der gesamten kirchlichen Musik, wie sie bis heute bekannt ist. Über Jahrhunderte war dies die Grundlage für geistliche Kompositionen aller Art, die sich im Lauf der Zeit zwar stilistisch veränderten, ohne diese Basis aber nicht auskamen. In St. Gallen wurde die Neumennotation zur Perfektion gebracht, eine frühmittelalterliche Notenschrift, mit der erstmals sämtliche Melodien des gregorianischen Chorals schriftlich festgehalten wurden. Hier lebten die Mönche Notker Balbulus und Tuotilo, die die Gattungen "Sequenz" und "Tropus" begründet haben.

Die Fürstabtei St. Gallen war eine Benediktinerabtei und neben Säckingen das älteste Kloster im alemannischen Raum. Bis 1798 war der Abt Reichsfürst mit Sitz im Reichstag. Der Konvent wurde 719 von Othmar zu Ehren des Heiligen Gallus an dessen Wallfahrtsort gegründet, er bestand über viele Jahrhunderte ununterbrochen. Erst in der Säkularisation hob ihn der große Rat von St. Gallen 1805 endgültig auf. In den barocken Prachtbauten auf dem großflächigen Areal sind heute Regierungssitz und Schule untergebracht. Doch noch immer steht dem Publikum der unvergleichlich schöne spätbarocke Bibliothekssaal zu Verfügung.

Für ein Jahr werden die musikalischen Quellen des Klosters jetzt in einer umfassenden Ausstellung mit dem Titel „Musik im Kloster St. Gallen“ der Öffentlichkeit vorgestellt. In einer außergewöhnlichen Kooperation zwischen dem SWR Studio Tübingen und dem Kloster St. Gallen entstand der Plan, Teile des musikalischen Quellenmaterials auch als Klangerlebnis zu realisieren, die Kompositionen aufzunehmen und parallel zur Ausstellung zu veröffentlichen. Das Ensemble "Ordo Virtutum" und sein Leiter, der Musikwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Johannes Morent aus Tübingen, entschieden sich, die Musik von Notker dem Stammler aufzunehmen.


Musik in der virtuellen Handschriften-Bibliothek der Schweiz

Die vom SWR aufgenommene Musik wird nicht nur als CD zu erwerben, sondern später auch in der virtuellen Handschriften-Bibliothek der Schweiz zu finden sein. Hier wird Mittelalterforschung mit den modernsten Methoden der Internet-Technologie verbunden. Die wertvollen Dokumente werden fotografiert und als Digitalseite ins Internet eingestellt. Das zeitaufwändige Projekt wird ermöglicht durch eine Zusammenarbeit der Universität Fribourg und der Stiftsbibliothek St. Gallen mit der amerikanischen Stiftung Mellon Foundation, die das Vorhaben finanziell fördert. Auf Internetseiten sind die Handschriften nun einsehbar und können von der Forschung weltweit genutzt werden. Die Aufnahmen der SWR-Produktion ermöglichen den Nutzern künftig, einige dieser Handschriften auch klingend zu erleben.


CD

Titel der Reihe:
Notker Balbulus - Sequenzen, Tropen & Gregorianischer Choral
Interpret:
Ordo virtutum, Leitung: Stefan Morent
Komponist:
Notker Balbulus
Verlag:
Christophorus Verlag
Produktion:
2010
Genre:
Alte Musik
Veröffentlichung:
Ende 2010

Anette Sidhu-Ingenhoff / Webfassung: Gabriele Heuer

Letzte Änderung am: 22.11.2010, 13.13 Uhr