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Zum Auftakt der Bildungsmesse Didacta. Von Armin Himmelrath. SWR2 am Morgen, 14.02.2012
"Bildungsgipfel im Flachland", das ist, ganz ohne Scherz, in diesem Jahr die Eigenwerbung der Didacta. Und gemeint ist natürlich das platte Niedersachsen, mittelgebirgstechnisch sind die da ja eher unter-ausgestattet. Aber natürlich passt dieser Slogan vom Bildungsgipfel im Flachland auch wunderbar auf die deutsche Bildungslandschaft mit ihren viel zu wenigen bemerkenswerten Erhebungen. Ach, was für eine schöne Doppeldeutigkeit!
Da gibt es allerdings noch ein ernstes Problem: Denn sogar bei uns, die wir nur das mittelprächtige deutsche Schulsystem durchlaufen haben, dürfte hängengeblieben sein, dass landschaftliche Erhebungen hunderttausende, wenn nicht gar Millionen von Jahren brauchen, um durch tektonische Verschiebungen der Erdkruste nach oben gedrückt zu werden und genau die Sichtbarkeit zu erreichen, die einen echten Gipfel ausmacht. Ein ähnliches Reformtempo könnte man ohne Weiteres auch dem deutschen Bildungssystem unterstellen. Was also tun? Alles hinschmeißen und lethargisch auf den nächsten Elternstammtisch oder die kommende Zeugnisausgabe warten?
Aber nein, natürlich nicht. Nehmen wir doch einfach das Hauptthema der Didacta und transferieren es in unseren Alltag. Es geht, na klar, um vernetztes Lernen, um Lernen 2.0., the future of education. Konkret: iPads für jeden Schüler, die Tafel in der Klasse wird durch ein riesiges Smartboard ersetzt, und Gruppenarbeiten finden per Chat in Echtzeit im Netz statt. Und wenn der Lehrer die Arbeiten seiner Zöglinge korrigiert, dann schreibt er nicht mehr mit roter Tinte "sehr gut" darunter, sondern klickt einfach den "Gefällt mir"-Button und twittert das Ergebnis dann in die Welt hinaus.
Ich weiß, ich weiß, Ihre Kommune ist genauso pleite wie meine, und die Schulämter können gar nicht so viel Geld aufbringen, um die Klassenzimmer auch nur auf den Stand des Jahres 1995 aufzurüsten, geschweige denn 2012. Also fangen wir doch einfach zuhause mit dem vernetzten Lernen an! Ich jedenfalls schicke meinen Kindern aus der Redaktion nachmittags schon mal eine mahnende Mail, bloß nicht die Hausaufgaben zu vergessen. Wenn die Zimmer nicht aufgeräumt werden, gibt's auf der Facebook-Pinnwand der Ordnungssünder ein hochgeladens Gerümpel-Foto samt väterlicher Zurechtweisung. Und wenn meine Frau und ich wieder mal alleine am Essenstisch warten, dann sorgt eine kurze SMS mit einem zornigen Smiley aus der Küche ins Kinderzimmer für die erhoffte Reaktion. Sie werden sehen: Das funktioniert viel zuverlässiger als alles elterliche Brüllen quer durch die Wohnung!
Nur neulich, da ist mir ein wirklich blöder Fehler unterlaufen. Per Facebook-Veranstaltung hatte ich die Familie zum gemütlichen Spieleabend eingeladen – und diese Einladung aus Versehen öffentlich gemacht. Im Netz kündigten daraufhin immer mehr Freunde meiner Kinder ihr Kommen an – und aus der geplanten Siedler-von-Catan-Runde wurde eine ausgewachsene LAN-Party mit pubertierenden Horden. Didacta-Visionen eignen sich eben doch nicht für alle Situationen. Oder, wie meine Kinder sagen würden: Epic Fail.
Die denken und leben vernetzt - aber nur privat und nicht im Unterricht...
Armin Himmelrath
Letzte Änderung am: 14.02.2012, 08.28 Uhr