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Wie naiv ist der Aufruf zum Systemwechsel in der Agrarindustrie? Von Axel Weiß. SWR2 am Morgen, 20.01.2012
Man nehme geröstetes Vollkornmehl, rühre es in kochendes Salzwasser, verkoche das Musmehl mit Milch zu dicklicher Pampe und kippe am Ende ein paar mit Schmalz geröstete Zwiebeln drauf. Fertig ist der Schwarze Brei, über viele Jahrhunderte DAS Lebensmittel Nummer Eins auf der Schwäbischen Alb und anderswo. 365 Tage im Jahr. Butter? Luxus! Die wurde zum Markt in die ferne Stadt getragen und verkauft. Fleisch gab’s als Sonntagsbraten, Punkt. Warum ich das erzähle? Weil wir in den letzten 50 Jahren völlig vergessen haben, dass wir es nur und ausschließlich der industriellen Massentierhaltung mit globaler Arbeitsteilung zu verdanken haben, dass wir uns morgens, mittags, abends nicht Getreidebrei, sondern fleischlichen Genüssen hemmungslos hingeben können.
Beste Frischfleischqualität –Jetzt zugreifen, das ganze Hähnchen, ausgenommen und grillfertig nur 3.59 Euro. Das ist gerade mal ein Fünftel von dem, was ich für ein Tier beim Metzger zahle, das aus halbwegs tierfreundlicher Aufzucht stammt. Statt einem „guten“ Huhn am Sonntag kann ich fünf Billighinkel kaufen, jeden Werktag eins. Bei niedrigem Einkommen und niedriger Bildung ist das eine große Verlockung. Daran sollten die denken, die jetzt ganz laut „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ schreien. Zurück in die Goldenen 30er Jahre, wo jeder Hof noch ein Mischbetrieb war mit bisschen Ackerbau und bisschen Viehzucht mit der Miste vor der Tür. Leider hätte schon die Miste heute keine Chance mehr, weil irgendein Zugezogener genauso gegen den Gestank klagen würde wie gegen das Kuhgebimmel auf der Weide. Und die Kühe wollen gemolken werden. Urlaub für Bauern mit Milchkühen? Was ist das denn? Nein, die Landei-Romantik, früher-war-alles-besser Mentalität und mein Ei kommt aus der Hühnermanufaktur, deins auch? stößt mir sauer auf. Weil das so naiv bis verlogen ist wie die Werbung mit glücklichen Hühnern auf Bio-Ei-Packungen. Diese Bio-Eier stammen meist auch aus Massentierhaltung und werden aus dem Hintern von Hochleistungsrassen gepresst, deren Zuchtergebnisse dem Tierschutz Hohn sprechen. Soviel dazu. Aber im System gedacht: Ja, natürlich kann man Massentierhaltung besser oder schlechter praktizieren und es ist gut so, unserer
Verbraucherschutzankündigungs-Ministerin Aigner erst auf die Finger zu schauen und dann zu klopfen. Und wenn die Länderbehörden an der Lebensmittelkontrolle sparen, dann ist das ein Skandal. Agrarsubventionen an mehr Umwelt- und Naturschutz zu koppeln ist auch kein Fehler, Wiesen statt Maiswüsten eine gute Parole. Nur machen wir uns nichts vor: Die Margen sind winzig, der Wettbewerb hart. Jenseits der Nischenproduktion von edler Nachhaltigkeit wird auf Masse gesetzt, bis der Arzt, äh, der Tierarzt kommt. So gut kann die Kontrolle gar nicht sein, um zu verhindern, dass der harte Sparkurs immer wieder auf Kosten der tierischen Großbelegschaft geht, die sich nicht wehren kann. Wer das nicht will: Esst Schwarzen Brei, Leute, immerhin haben ihn die Feinschmecker von Slow Food bereits als nahezu in Vergessenheit geratenes, regionaltypisches Nahrungsmittel geadelt. Guten Appetit!
Axel Weiß
Letzte Änderung am: 20.01.2012, 08.38 Uhr