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Die neue EU-Datenschutzrichtlinie. Von Burkhard Müller-Ullrich. SWR2 am Morgen, 26.01.2012
Zum Glück ist noch immer ungeklärt, wie viel ins menschliche Gedächtnis tatsächlich hineinpasst: wie viele Schulstunden, wie viele Comic-Hefte, wie viele Demütigungen an der Arbeitsstätte und wie viel Dschungelcamp am Abend. Vorsorglich heißt es manchmal: Stopf dir deinen Kopf nicht mit unnützen Dingen voll. Aber es gibt auch Hirnforscher, die sagen: je mehr hineingestopft wird, desto mehr Platz entsteht. Man weiß eben immer noch nicht genau, wie die graue Masse funktioniert: mehr wie eine Festplatte, also mit begrenztem Speicher, oder mehr wie das Internet, also tendenziell unendlich?
Genauso wichtig und genauso rätselhaft wie die Speicherkapazität ist die Ordnung, die im Oberstübchen herrscht. Was passiert, wenn wir uns angestrengt erinnern? Auf welche Weise findet das Gedächtnis uralte Informationen wieder? Sind die beschriftet? Tragen Nervenzellen Etiketten? Und wie kommt es, dass die Etiketten unleserlich werden? Werden sie von Riesling oder Chardonnay oder hochprozentigen Erinnerungsputzmitteln ausgewaschen?
So fraglich das alles ist, eines wissen wir mit Sicherheit: zu viel Gedächtnis ist genauso schlecht wie zu wenig. „Total Recall“ ist ein Alptraum, in den sich nur Kinobesucher für zwei Stunden begeben mögen. Doch durch Internet und Medientechnologie sind wir auf dem Weg zur totalen Erinnerung. Alles wird aufgezeichnet und bleibt auf ewig gespeichert und zugriffsbereit. Die Menschheit droht nicht ihr Gedächtnis zu verlieren, sondern ihr Vergessen. Es gibt keinen Radiergummi der Geschichte mehr, keine Begnadigung, keine Bewährung.
Das Totale ist immer das Gefährliche. Deshalb sind Gedächtnislücken antitotalitär. Sie sind die Schlampereien der Gehirnverwaltung, und wie bei jeder Bürokratie liegt in der Nachlässigkeit auch eine Garantie für Liberalität. Was aber, wenn die Technik diese Lücken einfach schließt? Manche Politiker fordern zwar, dem Internet eine Art Amnesie-Automatik einzubauen, irgendwelche Datenschutz-Mechanismen, die auf Datenvertilgung hinauslaufen. Aber diese Phantasie von der begrenzten Haltbarkeit elektronischer Signale ist ungefähr so überzeugend wie jeder Versuch, den Fortschritt wegen philosophischer Bedenken zu bremsen.
Allerdings kann man gut verstehen, dass sich gerade Politiker für die Idee des systematischen Gedächtnisschwunds begeistern. „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“ hat Adenauer einst gesagt. Ganz so locker käme der Spruch heute nicht mehr rüber, wenn er gegen Massen von Video- und Audio-Files ankämpfen müsste.
Burkhard Müller-Ullrich
Letzte Änderung am: 26.01.2012, 08.36 Uhr