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Plädoyer gegen die Niedriglohngesellschaft. Gastkommentar von Prof. Stefan Sell. SWR2 am Morgen, 16.02.2012

Mehr als 1,5 Millionen Menschen müssen zu einem Stundenlohn arbeiten, der unter 5 Euro liegt. Eine Folge davon sind beispielsweise die so genannten „Aufstocker“, also Menschen, die arbeiten, aber so wenig Geld verdienen, dass sie zusätzlich Hartz IV-Leistungen bekommen müssen. Dazu gehören auch mehr als 300.000 Menschen, die eine Vollzeitbeschäftigung haben und trotzdem Unterstützung brauchen. Den Staat bzw. den Steuerzahler kostet das übrigens mehrere Milliarden Euro – Geld, mit dem Unternehmen ihre Kosten sozialisieren, während die damit erzielbaren Gewinne wie selbstverständlich privatisiert werden. Dafür müssen übrigens auch die Unternehmen zahlen, die sich ordentlich verhalten.

Unter den „Aufstockern“ gibt es viele Leiharbeiter. Das Verleihen von Menschen gegen eine Prämie ist in den vergangenen Monaten immer stärker unter den Druck einer kritischen Berichterstattung geraten. Völlig zu Recht, wenn man bedenkt, dass derzeit fast eine Millionen Menschen in Leiharbeit sind. Die kritische Diskussion hat auch mit dazu beigetragen, dass wir nun endlich einen Mindestlohn für diese Branche bekommen haben und sogar darüber diskutiert wird, dass den Leiharbeitern demnächst vielleicht das gleiche Geld ausgezahlt werden muss wie den normalen Beschäftigten. Aber kaum fummelt man etwas an den Arbeitsbedingungen für die einen herum, suchen sich Unternehmen neue Schlupflöcher, um auch in Zukunft dem Lohndumping frönen und sich ihrer Arbeitgeberpflichten entledigen zu können. Der neueste Trend: Werkverträge, mit denen es noch billiger geht als mit Leiharbeitern. Und das betrifft nicht nur die Regaleinräumer in Supermärkten. Unternehmen können „Leistungskontingente“ bei Subunternehmen einkaufen, sprich Menschen, die ganze Schichten befüllen, aber – welch ein Vorteil – nicht unter den Mindestlohn der Leiharbeit fallen und zudem auch nicht als Personalkosten verbucht werden müssen, weil es sich ja um Werkverträge handelt und nicht um Menschen, also buchhalterisch um Sachkosten. Irgendwie konsequent.

Ach so, Sie denken jetzt, ja gut, alles ganz schlimm, aber das trifft nur die „unteren“ Etagen des Arbeitsmarktes? Aber doch nicht die gut Ausgebildeten, die Studierten? Dann sollten Sie sich einmal ganz genau die Wunschvorstellungen von Firmen wie IBM anschauen: In deren Modellen gibt es nur noch kleine festangestellte Kernbelegschaften, der Rest wird eingekauft „in der Wolke“ freier Mitarbeiter. Für ein bestimmtes Projekt. Und diese „Freien“ müssen sich jedesmal bewerben und sie müssen sich natürlich auch bewerten lassen, alles im Internet und natürlich alles ganz freiwillig. Und die Arbeitsbedingungen sollen „natürlich“ nicht dem deutschen Arbeitsrecht folgen, sondern internationalen Bedingungen, weil es können sich ja auch Menschen aus anderen Ländern bewerben. Die Soziologen haben solche Existenzen schon vor Jahren mit dem Namen „Arbeitskraftunternehmer“ belegt, jemand also, der sich selbst zu Markte tragen muss, und zwar dauernd. Und wehe, er wird mal krank. Und weil alle das dann ja irgendwie freiwillig machen (müssen), weil sie werden ja scheinbar nicht mit Gewalt dazu gezwungen, spreche ich hier von einer „modernen Sklavenhaltung“. Man versklavt sich selbst. Aber seien wir ehrlich – gibt es eine effektivere und effizientere Form der Sklaverei als die scheinbar selbstgewählte?

Prof. Stefan Sell

Letzte Änderung am: 16.02.2012, 08.28 Uhr

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Moderne Sklaverei

Plädoyer gegen die Niedriglohngesellschaft. Gastkommentar von Prof. Stefan Sell. SWR2 am Morgen, 16.02.2012

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