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Karl Lagerfeld mit günstiger Kollektion im Internet. Von Petra Haubner. SWR2 am Morgen, 25.01.2012
Der deutsche Modekaiser steigt herab vom Edelolymp auf den Otto-Normalverbraucher-Level, von der Luxusklasse zur modischen Holzklasse.
"Ich glaube an zwei Dinge: an ganz teuer und an ganz preiswert. Echte Juwelen kombiniert mit falschen Klunkern - das ist die alte Idee von Coco Chanel." Sagte Karl 2004, als er für den schwedischen Billig-Moderiesen H&M eine eigene Kollektion entwarf. Ab heute bietet er wieder falsche Klunker für die Massen an. „Karl“ - ganz simpel und einfach – „Karl“ soll die neue Billig-Linie heißen. Sie soll sich in einem für Fashion fast schon Discounter-artigen Rahmen zwischen 60 und 300 Euro bewegen. Spätestens jetzt kann sich also selbst Lieschen Müller einen Hauch von Karl Lagerfeld leisten - ohne dabei einen griechischen Schuldenberg anzuhäufen.
„Karl“ umfasst etwa 100 Stücke, von Alltagsmode bis zur Abendrobe. Minimalistisch, Schwarz-weiß, elegant – nichts anderes hätte man von dem Meister des Purismus erwartet. Auch das Label-Logo ist ganz und gar „Karl“: Die berühmte Silhouette Lagerfelds als Scherenschnitt - ein Kopf mit Haarzopf, hohem Kragen und dunkler Brille. Besagten hohen Kragen gibt es auch in der Kollektion zu kaufen, der obligatorische „Vatermörder-Kragen“, ohne den der Maestro selbst das Haus niemals verlässt.
Billig-Mode für die Massen hätte es zu Coco Chanels Glanzzeiten nicht gegeben und vor wenigen Jahren hätte auch Karl Lagerfeld die Nase gerümpft. In den 90ern widmete er sich noch ausschließlich Pret-a-Porter der Luxusklasse und der Haute Couture, der wahren Schneider-Kunst. Gemälde aus Stoff, kreative Fantasiewelten der Modedesigner, eine Vision für die Mode von Morgen – mittlerweile fast unbezahlbar. Die Haute Couture ist schon lange ein Verlustgeschäft und dient vor allem der Imagepflege. Nur ein kleiner Kreis kann sich die modischen Kunstwerke überhaupt leisten. Und trotzdem wollen wir alle ein kleines teilhaben am Luxus, von der Welt der Reichen und Schönen, sich den Glanz in den Kleiderschrank holen, den der Name Karl Lagerfeld verspricht. Was liegt für geschickte Marketingstrategen also näher, als diese Sehnsucht jetzt mit einer Billig-Linie zu bedienen und damit Geld zu abzuschöpfen.
Eine bessere Figur als den ungekrönten deutschen Modekaiser Karl Lagerfeld kann es dafür fast nicht geben. Das funktionierte schon damals bei der Kollektion Lagerfelds für das Billigkaufhaus H&M großartig. Unglaubliche Szenen ereigneten sich damals. Die Webseite brach kurzzeitig zusammen. Fashionfans weltweit standen Schlange vor den Filialen. Szenen, die an den Verkauf der ersten Nylonstrümpfe in der Nachkriegszeit erinnerten. Auch wenn der Künstler selbst natürlich nur hehre Ziele hat: Das „Elitärsein der Massen“, will der bekennenden Ästhet erreichen. “Ich denke, dass es fast meine Pflicht ist, dies mit meinem Namen zu machen. Das ist der Weg der Modernität.”, sagte er der amerikanischen Vogue. Wie selbstlos, lieber Karl Lagerfeld! Ob dieses edle Vorhaben mit seiner Kollektion gelingen wird, ist zu bezweifeln. Otto-Normal-Verbraucher wird in den doch sehr speziellen Teilen, wie einer hauteng geschnittenen silbernen Röhrenhose oder dem bis übers Kinn straff gebundenen Kragen eher nach Presswurst als „Tres Chic“ aussehen. Von Elitär ganz zu schweigen. Und wie sagte Coco Chanel so gerne: „Ich habe die Frauen aus dem Korsett befreit“ – Karl Lagerfeld steckt sie jetzt mit seiner straffen und kantigen Mode wieder rein, ins modische Korsett.
Petra Haubner
Letzte Änderung am: 25.01.2012, 08.23 Uhr