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Von Tilmann Kleinjung. SWR2 am Morgen, 10.02.2012
„Diese Finger, die meinen Körper in der Nacht missbrauchten, reichten am nächsten Morgen die heilige Hostie.“ Ein Satz, eine Anklage. Ein Missbrauchsopfer erzählt in Rom sein Martyrium und viele Bischöfe haben solche Sätze noch nie gehört. Das Thema ist in der Weltkirche noch nicht wirklich angekommen. Man mag das in Deutschland kaum glauben: Aber bei dem Kongress an der Gregoriana in Rom erfahren viele Bischöfe erstmalig, welche Dimensionen der Missbrauch von Kindern durch Geistliche und kirchliche Mitarbeiter hat. Dazu muss man gar nicht nach Asien oder Afrika schauen, es genügt ein Blick nach Italien. Hier wurde das Thema bislang vor allem an Beispielen aus dem Ausland abgehandelt: Irland, USA, Deutschland.
Wie viele Priester in Italien sich an Kindern und Jugendlichen vergangen haben, welche Wunden in katholischen Heimen und Internaten Schutzbefohlenen zugefügt wurden, dazu gibt es allenfalls Vermutungen. Die Bischofskonferenz spricht von etwa 300 Opfern in den vergangenen zehn Jahren und will nun erstmals eine genaue Umfrage in den Bistümern starten. Richtlinien zur Ahndung und Prävention von Missbrauch wie in Deutschland konnte und wollte die italienische Kirche bis heute nicht vorlegen. Weil es keine pädophilen oder gewalttätigen Priester in Italien gibt? Wohl kaum. Der Grund ist vermutlich simpler: weil man aus dem Schaden nicht gelernt hat. Die katholische Kirche in Deutschland hat in den ersten Monaten des Jahres 2010 einen schmerzhaften Lernprozess durchgemacht. Da verging fast kein Tag, an dem nicht ein neuer Missbrauchsfall veröffentlicht worden war. Der Wirbel, den diese Enthüllungen verursacht haben, ist umso erstaunlicher, wenn man sieht: ziemlich genau zehn Jahre vorher wurde die katholische Kirche in den USA von einem gigantischen Missbrauchsskandal erschüttert. Und die große Sorge des Vatikan ist: Wir sind noch nicht am Ende. Was ist mit Italien, was ist mit Afrika, mit Asien? Deshalb haben der Papst und seine Mitarbeiter diesen Kongress so unterstützt, um den in Rom versammelten Bischöfen deutlich zu machen: Wer wegschaut, macht sich strafbar. Schweigen ist Sünde. Prävention das Gebot der Stunde. Mit so viel Nachdruck wurde das noch nie eingefordert. Das ist eine Wende im Umgang der Kirche mit dem Thema Missbrauch.
Die Bitte um Vergebung, die ein Kardinal im Namen der Kirche bei einem Bußgottesdienst in Rom vorgetragen hatte, erinnerte an das große mea culpa von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 2000. Endlich geht es um die Opfer und nicht um die Institution. Dazu das Eingeständnis: Wir haben Männer zu Priestern geweiht, die für diese Aufgabe nicht geeignet waren. Wir haben versagt und müssen uns ändern. Wenn das mehr ist als ein Lippenbekenntnis, dann können diese Tage in Rom eine echte Wende markieren.
Tilmann Kleinjung
Letzte Änderung am: 10.02.2012, 09.05 Uhr