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Warum die syrische Revolution nicht an Kampfeswillen verliert. Von Nail Al Saidi. SWR2 am Morgen, 13.02.2012
Die Macht der syrischen Revolution liegt im Digitalen. Jeder Schritt gegen die Regierung wird per Handy im Internet archiviert, und auch das erste Lebenszeichen des syrischen Aufstands war ein kurzes Video im Netz. Es zeigte einen vermummten Mann, der irgendwo in Syrien dieselbe Parole an Wände sprühte, die man in jenen Tagen auch in Ägypten sah: Irhal - Hau ab! Gemeint war damit der Präsident. Doch in Syrien blieb Bashar Al Assad. Bis heute. Bevor er das Militär auf die Demonstranten hetzte, zeigte er sich von seiner vermeintlich gutmütigen Seite. Er nahm das bis dahin verbotene soziale Netzwerk Facebook vom Index. Seitdem kann jeder Syrer im Internet veröffentlichen was er will - der Geheimdienst liest mit. Aber verhindern konnte es nicht, dass der Mann mit der Sprühdose schnell die Runde machte unter den syrischen Oppositionellen mit Internetanschluss. Heute ist er Teil einer virtuellen Ahnengalerie, in der die Helden und Opfer der syrischen Revolution einen Ehrenplatz finden. Gesehen habe ich den Link zum ersten Mal auf der Facebookseite eines syrischen Freundes. Seinen Namen möchte ich zu seinem Schutz nicht nennen, obwohl er es anders sähe. Bei Facebook taucht er mit vollem Namen auf. Und sogar mit einem Foto, wie er vor seinem Haus steht. Der Geheimdienst könnte ihn jeden Tag abholen kommen - aber das kümmert ihn nicht. Seitdem er so gut wie arbeitslos ist, unterstützt er die syrischen Opposition als freier Netzwerker: er veröffentlicht Notizen aus dem Alltag, die mir näher gehen als jede Nachrichtenzeile aus Syrien. Er dokumentiert Stromausfälle, willkürliche Festnahmen im Freundeskreis, dass das Brot jetzt doppelt so viel kostet wie früher und er schreibt über die Bomben, mit denen das Regime die Nachbarschaft in Angst und Schrecken versetzt. Er und meine anderen Facebook-Kontakte sind meine Augen in Syrien.
Ihre Internet-Seiten sind blutig, nachdenklich, erschütternd und manchmal auch witzig. Es freut mich, dass Sie trotz Bitterkeit noch nicht ihre Menschlichkeit verloren haben. Sie präsentieren drollige Bilder, von Kleinkindern, die mit für Freiheit demonstrieren oder eine Parodie auf die Internetseite der syrischen First Lady....
Und in der nächsten Zeilen: wieder ein Hilfeschrei für die Menschen im bombardierten Homs. Bilder von Zerstörung, Verletzten, Todesopfern.
Meine Freunde sehen jeden Tag wie der syrische Aufstand unterdrückt wird, beim Blick aus dem Fenster und auf dem Monitor. Deshalb geben sie nicht auf. In gewisser Weise leben sie als syrische Netz-Opposition vom Internet und für das Internet. Jeder neue Gewaltakt wird für das digitale Kollektiv der Demonstranten gespeichert. Wer die Bilder und Videos als Betrachter abruft, der entfaltet ihre wahre Kraft. Pessimismus im Kampf gegen die Assad-Regierung habe ich von Seiten meiner Freunde noch nicht vernommen.
Stattdessen schreibt einer von ihnen:
Jeder tote Syrer schwächt den Glauben - an das Regime. Und davon müssen sich noch viele Syrer lossagen.
Nail Al Saidi
Letzte Änderung am: 13.02.2012, 08.32 Uhr