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Rilling tritt als Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart zurück. Ein Kommentar von Martina Klein. SWR2 Journal am Abend am 10.2.2012

Helmuth Rilling
Jetzt also doch. Helmuth Rilling geht und das im Zorn. So hätte es nie geschehen sollen und so hatte er es auch nicht geplant, als er die Fäden des Geschehens noch in der Hand wähnte. Doch dieses unschöne Ende zeigt einmal mehr, was passieren kann, wenn der richtige Zeitpunkt verpasst ist, der richtige Zeitpunkt zu gehen. Und er zeigt auch, wie eine langjährige Freundschaft zerbrechen kann, wenn sie in die Jahre gekommen ist.
Es gehört zu den großen Begabungen des Musikers Helmuth Rilling solche Freundschaften zu knüpfen. Denn es waren eben diese Freunde, die dem jungen Kantor und Chordirigenten Helmuth Rilling die Chance gaben, seinen Traum zu realisieren, eine Institution zur Pflege und Verbreitung von Bachs Musik zu gründen, die Internationale Bachakademie Stuttgart. Rilling betrieb Fundraising, als es dieses Wort im deutschen Sprachgebrauch noch gar nicht gab, er ging Allianzen mit der Wirtschaft ein. Die Liste der Sponsoren liest sich wie das Who is Who der deutschen Wirtschaft. Berthold Leibinger, Seniorchef des Weltunternehmens Trumpf, wurde als Vorstandsvorsitzender der Bachakademie gewonnen. Eine langjährige Freundschaft verband die beiden heute großen alten Männer. Man teilte viel, die Liebe zur Musik und eine tiefe Religiosität, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.
Doch die Frage nach dem wann, wann hört er, Helmuth Rilling auf, diese Frage schwebte ein gutes Jahrzehnt über der Bachakademie und ihren führenden Köpfen. Mag sein, dass es die Freundschaft war, die den Vorstandsvorsitzenden zögern ließ eine Entscheidung zu treffen, mag sein, dass er selbst das Alter nicht als Problem erkannte, denn Berthold Leibinger hat die 80 bereits überschritten.
Doch der Prozess des Generationenwechsels ließ sich nicht mehr aufhalten. Andreas Keller, der Intendant aus Gründerjahren, machte 2008 den Anfang. Damit wurde ein Steinchen aus dem bewährten Gefüge gebrochen. Und auch wenn Helmuth Rilling mit Neuintendant Christian Lorenz seinen Wunschkandidaten gesucht und gefunden hatte, so befand er sich damit offensichtlich nicht mehr im Einklang mit der Vorstandsspitze. Dass er dies erst erfuhr, als es um die Vertragsverlängerung von Lorenz ging, zeigt die Kluft, die sich da offensichtlich in kürzester Zeit aufgetan hatte.
Noch einmal versuchte Rilling mit der Androhung eines Rücktrittes Einfluss geltend zu machen, aber da war es schon zu spät. Die Fäden zum Handeln waren ihm schon aus der Hand genommen worden. Laut Vertrag hat Helmuth Rilling mit der eigenen Nachfolgeregelung nichts zu tun. Dennoch hatte er damit gerechnet, gefragt und gehört zu werden. Das hat der Vorstand, das hat der Freund nicht getan. Hier ist also mehr als nur ein Arbeitsvertrag zerbrochen. Es liegt eine große Tragik über diesem letzten Schritt von Helmuth Rilling, der sich nun so von seinem Lebenswerk verabschiedet. Das hat er nicht verdient und das hat auch die Internationale Bachakademie nicht verdient.
Martina Klein
Letzte Änderung am: 10.02.2012, 15.52 Uhr