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Über die Gewalteskalation im ägyptischen Fussballstadion. Von Esther Saoub. SWR2 am Morgen, 03.02.2012
Eins vorweg: ägyptischer Fußball hat schon immer mit Gewalt zu tun. Und zuweilen sogar mit Todesfällen. Ein Fan der Kairoer Mannschaft al-Ahly schreibt über die Partie in Port Said: Als wir ankamen, war alles wie immer: Die Fans der Gegenmannschaft bewarfen unseren Bus mit Steinen und lauerten uns vor dem Stadion auf. Sie haben auch den Mannschaftsbus angegriffen, und einen Spieler verletzt. Später provozierten sie uns mit wütenden Slogans. Nichts besonderes also.
Völlig anders als bisher ist diesmal allerdings das Ausmaß der Gewalt. Eine plötzlich entfesselte Brutalität, die sogar die Hartgesottenen zum Verstummen gebracht hat: Auf der offiziellen Facebook-Seite der Ahly Ultras standen nach der Katastrophe im Stadion statt Kampfparolen nur mehr Koranzitate, dann nichts mehr. Andere allerdings haben sich schnell zu Wort gemeldet: von einer geplanten Aktion ist die Rede. Von eingeschleusten Krawallmachern der Regierung, den berühmten Baltagis, Halbkriminellen, die vor genau einem Jahr für ein paar Euro mit Pferden und Kamelen auf den Tahrirplatz gestürmt haben, um die Revolution zu beenden. Damals waren es ausgerechnet die Ahly Ultras, die die Facebook-Kids verteidigt haben, sie wussten ja, wie man mit Gewalt umgeht.
War die Katastrophe in Port Said also eine Antwort auf die Revolution?
Man muss gar keine Verschwörungstheorie gemühen, um zu erklären, was gestern passiert ist. Der Augenzeuge, der die steinige Begrüßung durch die Fans aus Port Said als normal bezeichnet hat, beschreibt dann, wie die gegnerischen Fans das Fußballfeld stürmen, ungehindert durch die Bereitschaftspolizei, und, wie die Polizisten sogar einen Korridor freigeben, und die Fans in den Block ihrer Widersacher lassen. Es war gar nicht nötig, einen Angriff zu organisieren, es reichte, ihn nicht zu verhindern.
Ein Sportmoderator des Staatsfernsehen, der seinen Job vermutlich nicht mehr lange behalten wird, hat es am nächsten Tag so ausgedrückt: was bleibt den Menschen denn, außer Fußball? Das System nimmt ihnen das Essen, die Wohnung, die Bildung – und erwartet dann, dass sie sich gesittet und zivilisiert benehmen?
Und doch standen Stunden später schon die auf der Straße, die das Gegenteil bewiesen: Fans der beiden erzverfeindeten Kairoer Mannschaften, Ahly und Zamalek demonstrierten gemeinsam gegen die Untätigkeit der Polizei in Port Said. Steine flogen nicht.
Auf der Facebookseite der AhlyUltras war kurz zuvor der erste Eintrag seit Stunden aufgetaucht: Ein Foto des jüngsten Opfers von Port Said, mit Ort und Zeitpunkt seiner Beerdigung: „wir werden gemeinsam für ihn beten“ stand darunter.
Esther Saoub
Letzte Änderung am: 03.02.2012, 08.27 Uhr