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Was macht diese Casting-Show so erfolgreich. Von Petra Haubner. SWR2 Journal am Abend, 10.02.2012
Nicht noch eine Casting-Show! Habt endlich Erbarmen – wollte man rufen, als „The Voice of Germany“ im letzten Herbst von den Machern angekündigt wurde. Ganz Deutschland erstickt doch schon in der Casting-Schwemme - DSDS, Popstars, X-Factor, Germanys Next Topmodel – Noch länger ist nur die Liste der erfolglosen Ex-Casting-Kandidaten. Schluss mit den Casting-Shows wollte man auf Demo-Plakate schreiben! Wir wollen nie wieder Live-Demütigungen im Fernsehen sehen, wie bei „Deutschland sucht den Superstar“. Oder bemitleidenswerte Gewinner, die zusätzlich bestraft werden mit einem vom selbsternannten Pop-Titan, Dieter Bohlen, komponierten Eintagsfliegen-Song. Und Mutti und Vatti wollen ihren Kindern nicht mehr regelmäßig nach der Ausstrahlung der Sendungen erklären müssen, warum Beleidigungen und Pöbelei nicht zum guten Ton gehören im ganz normalen Familienalltag.
Eltern in ganz Deutschland dürften aufgeatmet haben nach der ersten Folge von „The Voice of Germany“. Eine Show, die keine stundenlangen nachpädagogischen Maßnahmen erfordert. The Voice of Germany hat den Kuschelfaktor! Ein Gegenpol zur Dieter-Bohlen-Pöbel-Ecke: Keine Beleidigungen, kein Fremdschämen vor dem Fernseher und Gott sei Dank keine Heidi Klum, die den „Germanys next Topmodels“ mit unheilschwangerer Stimme verkündet: Ich habe heute leider kein Foto für Dich! Was in der Casting-Welt schlicht bedeutet: Du bist raus! Vollkommen ungerührt davon, dass die verschmähten Kandidatinnen ohnehin schon kurz vor dem seelischen Zusammenbruch standen. Genau wie Teenie-Schreck Dieter Bohlen, der sich in der DSDS-Arena gern Caesar-gleich vor die zitternden Gesanges-Gladiatoren stellt und ihnen pöbelnd noch das letzte bisschen Würde raubt. Ganz anders der Umgang beim Überraschungserfolg „The Voice of Germany“. Die Coaches scheinen weniger an der Quote als tatsächlich an der persönlichen Entwicklung der Teilnehmer interessiert. Ausgesucht wurden die Teilnehmer nach ihrer Stimme, eine wirklich unglaublich irre Idee. Eine Gesangs-Casting-Show, die tatsächlich nur auf die Stimme der Gesangskandidaten achtet. Die vier Coaches von the „Voice of Germany“, die 80er Jahre Ikone Nena, der deutsche Schmachtsänger Xavier Naidoo, Rhea Garvey von der Pop-Combo Reamon und zwei Sänger von der Hillbillie-Country-Popband „Boss Hoss“ saßen mit dem Rücken zu den Teilnehmern. Man hörte also nur die Stimme, egal wie Dick, dünn, klein, groß, hübsch oder hässlich der Teilnehmer. Natürlich kann auch eine Casting-Show, die mit dem Ziel angetreten ist, anders zu sein, die Musikbranche nicht revolutionieren.
Es gab bei „The Voice“ eine Vorauswahl, bevor die Kandidaten auf die Jury und die Kameras losgelassen wurden. Die Musiker wurden sicher auch auf Bravo-Kombatibilität überprüft. Und wer eine hübsche persönliche Geschichte im Gepäck hatte, war vermutlich nicht im Nachteil. Trotz allem war das Talent der Teilnehmer beeindruckend im direkten Vergleich mit anderen Casting-Formaten: Es gab immerhin keinen musikalischen Totalausfall. Die Jury hat gezeigt, dass man auch mit fairen Urteilen und nettem Umgang punkten kann. Und dafür muss man den Machern des Formats fast schon danken. Fernsehen kann auch ohne boshafte Beleidigungen, inszenierten Zickenterror und Demütigung funktionieren. Ein Schritt in die richtige Richtung und ein kleiner Beweis dafür, dass die Menschen sich offenbar nicht nur für Pöbel- und Ekel-TV a la Dschungelcamp oder Deutschland sucht den Superstar erwärmen können. Also bitte, liebe Unterhaltungschefs. Hört endlich auf die Zuschauer zu unterschätzen und fangt an Fernsehen mit Niveau und Unterhaltungsfaktor zu machen. Das ist nämlich keine Gretchenfrage!
Petra Haubner
Letzte Änderung am: 13.02.2012, 08.46 Uhr