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Über Geschmacklosigkeit und Rituale die niemals enden wollen. Von Walter Filz.

Neulich gab es Ärger. Um eine Fernseh-Faschingssitzung. Die hieß "Frankfurt Helau", und da stand eine Saison-Komikerin auf der Bühne, die hatte sich als Klischee-Türkin verkleidet. Und sagte unter anderem: auf Basar gibt es keine Toilette, auf Basar bescheißt jeder jeden. - Karneval-Eklat schrieb daraufhin die Bild-Zeitung und bemängelte: "Schlechte Witze auf Kosten von Migranten".
Aber nicht nur das Fachorgan für Integration mokierte sich. Auch türkische Medien und der Ausländerbeirat in Hessen kritisierten den Auftritt als "Rassismus zur besten Sendezeit". Satire dürfe zwar alles, aber nicht herabsetzend sein. Tja, hm. Ob das so richtig ist? Dann dürfte Satire ja fast gar nichts. Wäre es nicht einfacher gewesen, man hätte sich darauf geeinigt, den Auftritt weder als Witz, noch als Satire zu bezeichnen, sondern einfach als Geschmacklosigkeit?
Geschmacklos war einmal ein brauchbares Adjektiv - kurz und vernichtend. Ein Blick, ein Augenverdrehen, ein konsternierter Seufzer und ein dünnlippig unaufgeregt gesagtes "geschmacklos". Und die Sache war erledigt. Ob modische oder verbale Entgleisung, ob häuslich privat oder fernsehöffentlich. Mit einem "geschmacklos" war Ende der Diskussion, bevor sie noch anfangen konnte. Das funktionierte sogar in der weitgehend geschmacksfreien Zone Fernsehkarneval.
Es war Anfang der 60er Jahre - also letztes Jahrhundert - da war die Übertragung einer Kölner Karnevalsveranstaltung derart degoutant, dass sich noch während der laufenden Live-Sendung ein Kommentator für die Darbietungen entschuldigte. Danach war der Kölner Karneval für Jahre weg vom Bildschirmfenster. Und nur die Mainzer Fasnacht wurde durch Sitzungssendungen gewürdigt. Mainz galt als geschmackvoll, ja, geradezu kultural ambitioniert: die Büttenreden waren gereimt, die Chöre sangen Operette und die Karnevals-Vereine schrieben sich mit C. Lang ist es her. Und viel hat sich getan seither. Geschmack wurde eine zweifelhafte Kategorie. Nicht ganz zu unrecht.
Guter Geschmack erweist sich oft nur als hohle Hülle unguter Taten. Auch Mörder können Maßanzüge tragen. Hinzu kam ein gewisser sittlicher Relativismus, der sich in einem schulterzuckenden "Die Geschmäcker sind nun mal verschieden" ausdrückte. Heute haben wir - zumindest in liberal aufgeschlossenen Kreisen - eine zähneknirschende Generaltoleranz. Naja, mein Geschmack ist das nicht - Klammer auf, aber wenn's andere mögen, Klammer zu. Das Problem ist nur: Wir haben heute auch viel mehr Karneval, Fasnacht und Fasching im Fernsehen. Nicht nur aus den Frohsinns-Hochburgen, sondern auch aus Braunschweig, Erfurt oder - eben - Frankfurt.
Wer will das alles sehen, wer will das auf politische Korrektheit überprüfen und anschließend verzwackte Diskussionen anzetteln? Wär es nicht einfacher mit einem selbstbewussten kurz angebundenen "geschmacklos" die Sache zu erledigen? "Auf Basar bescheißt jeder jeden" - das ist, naja, wäre es nicht geschmacklos, könnte man sagen: "Das ist halt einfach Scheiße".
Von Walter Filz
Letzte Änderung am: 16.02.2012, 10.36 Uhr