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Überraschender Beginn der Abrißarbeiten S21. Von Wilm Hüffer. SWR2 am Morgen, 31.01.2012
Die Schlachten um Stuttgart 21 sind geschlagen, die Gegner unterlegen. Spätestens seit der Volksabstimmung. Stuttgart 21 wird kommen. Obwohl man über manches nach wie vor sprechen könnte. Vor allem die drohende Kostenexplosion. Doch seit Wochen geht es nur noch um Symbole. Die Gegner ringen im Schloßgarten um eine symbolische Verlängerung des Widerstands – in ihrem Dorf der Unbeugsamen. Und der Bauherr, die Deutsche Bahn, will ein möglichst starkes Signal setzen für die Unwiderruflichkeit des Projekts.
Das passende Symbol hat die Bahn gefunden: den Abriss des alten Bahnhofs-Südflügels. Ein Zeichen, das weit weniger schmerzt als umgesägte Bäume. Und zugleich bauliche Tatsachen schafft. Liegt der Südflügel erstmal flach, ist der alte Kopfbahnhof nicht mehr zu retten. Dann ist er städtebauliche Vergangenheit – und zwar unwiderruflich.
Dass die Bahn dieses Signal setzen will, ist verständlich. Sie will endlich heraus aus den letzten Zweifeln. Will endlich die Gewissheit, dass niemand das Projekt noch stoppen kann. Und sie steht kurz davor, dieses Ziel zu erreichen. Aber nochmals: es geht dabei vor allem um – ein Symbol. Es geht um ein Signal für die Unumkehrbarkeit des Projekts. Es geht momentan nicht – um bauliche Notwendigkeiten.
Denn das zeigen interne Pläne der Bahn zum Bauablauf: der Abriss des Südflügels – er ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht erforderlich. Er wird nicht dazu beitragen, dass das Projekt schneller vorankommt. Wichtige Planungs- und Genehmigungsfragen sind noch immer ungeklärt, weitere Verzögerungen daher absehbar. Die Bahn wird die Grube für den Tiefbahnhof voraussichtlich erst 2013 ausschachten können. Es gibt also keinen zwingenden Grund, den Südflügel jetzt schon abzureißen. Außer diesem einen: deutlich zu machen, dass es endlich vorangeht – und vor allem: dass niemand mehr zurück kann.
Deshalb sind Symbole so wichtig. Auch und gerade im Fall Stuttgart 21. Das Signal der Unwiderruflichkeit – es raubt den Gegnern den Mut. Und erstickt die letzten politischen Nachhutgefechte. Noch würgt der grüne Ministerpräsident an der Kröte, die er herunterschlucken soll. Gibt es keinen Weg mehr zurück, wird ihm das Schlucken vermutlich sehr viel leichter fallen.
Deshalb sind sie so fatal – die Symbole. Umgelegt werden die emotionalen Kippschalter – statt noch einmal gründlich nachzudenken. Statt den symbolischen Sieg zu erringen, wäre die Bahn gut beraten, mit dem Land nochmals die Kosten für dieses Projekt zu erörtern. Und zwar – bevor das dicke Ende kommt. Bevor endgültig klar ist, dass Stuttgart 21 weit teurer werden wird als 4,5 Milliarden Euro. Das wäre ein echter Sieg. Kein symbolischer Sieg. Sondern einer der Vernunft.
Wilm Hüffer
Letzte Änderung am: 31.01.2012, 08.28 Uhr