Seite vorlesen:
Von Wilm Hüffer. SWR2 am Morgen, 15.02.2012
Heute ist einer dieser berühmten Tage, an dem man abends sagen wird: nichts wird mehr so sein, wie es war. Der Stuttgarter Schlossgarten – er war der symbolische Ort des Widerstands gegen das Bauprojekt Stuttgart 21. Heute Abend wird er es, wenn der Polizeieinsatz planmäßig verläuft, wohl nicht mehr sein. Juchtenkäfer Es wird Schluss sein mit der Protestsiedlung im Schlossgarten. Schluss mit Baumhäusern und Hütten, bunten Transparenten, Schluss mit Kuscheltieren, die zu hunderten an Bäumen kleben – Schluss mit all den bizarren Blüten, die dieser breite bürgerliche Widerstand hervorgebracht hat.
Aber – es wird eben auch Schluss sein mit dem Schlossgarten, wie er war. Schluss mit 178 Bäumen, die gefällt oder verpflanzt werden, teils hundertjährigen Platanen, Kastanienbäumen, Eichen und Buchen. An deren Stelle, auf der grünen Wiese, eines Tages die stählernen Lichtaugen des geplanten Tiefbahnhofs aus dem Boden ragen sollen. Es wird den Ort nicht mehr geben, der wie kaum ein anderer in Deutschland während der vergangenen Jahre ins kollektive Gedächtnis gerückt ist. Vor allem wegen der bedrückenden Bilder vom 30. September 2010 – als übermotivierte Polizeibeamte mit Pfefferspray und Wasserwerfern gegen verdutzte Demonstranten vorgingen. Es ist dieser Ort, der zum Symbol geworden ist für bürgerlichen Widerstand gegen die grobianische Sturheit des vorerst letzten CDU-Ministerpräsidenten. Es ist der Ort, an dem die CDU einen tiefgreifenden Vertrauensverlust hinnehmen musste, der zum vorläufigen Ende ihrer 57jährigen Herrschaft in Baden-Württemberg maßgeblich beigetragen hat.
Nichts wird am Abend dieses Tages so sein, wie es mal war, im Stuttgarter Schlossgarten. Und nichts wird so ungewiss wie die Zukunft. Der Schlossgarten, er wird das kahle Gesicht annehmen einer milliardenteuren Dauerbaustelle. Auf der hunderte Ingenieure, in guter Absicht, ein hoch anspruchsvolles Projekt realisieren wollen. Mit ungewissem Ausgang. Ein Projekt, von dem sich schon heute fragt, ob ein finanziell bereits hochbelastetes Gemeinwesen nicht am Ende einen unverhältnismäßig hohen Preis dafür zahlen wird. Jetzt geht es wirklich los – beginnt das bange Warten auf den großen Bahnhof. Und welches wäre der richtige Ort dafür, wenn nicht der symbolträchtige Stuttgarter Schlossgarten?
Wilm Hüffer
Letzte Änderung am: 15.02.2012, 08.46 Uhr