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SWR2 Meinung 11.7.2012 Von Hartz IV in die Kita

Hans Gerzlich über den Vorschlag, Langzeitarbeitslose zu Erziehern umzubilden

Ursula von der Leyen ist nicht zu beneiden. Gerade hat sie hier durch einen Rechentrick ein paar Arbeitslose aus der Statistik verschwinden lassen, dort durch ein paar Luftbuchungen, da macht irgend so eine blöde Drogeriekette pleite und schon stehen ein paar Zehntausend Menschen bei ihr auf der Matte und wollen Geld. Oder Arbeit. Oder beides.

Nun weiß die Bundesarbeitsuschi aus ihrem vorigen Job als Familienministerin noch all zu gut, dass in deutschen Landen zehntausende Erzieher und -innen fehlen - ab 2013 die lieben Kleinen aber einen gesetzlichen Anspruch auf einen Krippenplatz haben. Also hatte sie eine geniale Idee: Wir machen aus den Schleckerfrauen einfach Kindergärtnerinnen - und schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Problem: Wenn Justin-Shane-Tyron oder Jaden-Jill-Berverly dann demnächst in der Kita fragen, wo denn die Grabbelkiste mit den Legosteinen ist, kriegen sie in bester Verkäuferinnenmanier zu hören: "Die müsste da drüben stehen." Äh... ja klar, da ist sie aber nicht! "Müsste aber".

Statt der Schleckerfrauen im besonderen rückt daher nun der gemeine Hartz4empfänger als solches in den Blick. Heinrich Alt, seines Zeichens das innerhalb der Bundesarbeitsagentur für Hartz4 zuständige Vorstandmitglied hatte eine zündende Idee: "Wir nehmen einfach Hartz4ler! Wofür haben wir die denn?" Natürlich! Pädagogische Fähigkeiten sind doch im Kindergarten sowieso schon lange nicht mehr gefragt. Und wer sich als Langzeitarbeitsloser über Jahre mit den in der Regel schlecht motivierten und gelaunten Arbeitslosigkeitsvermittlern herumgeschlagen und in der Schlange auf dem Arbeitsamt Stehvermögen und Geduld bewiesen hat, verfügt doch genau über die Schlüsselqualifikationen, die im täglichen Nahkampf mit der aufsässigen Brut unerlässlich sind. Glückwunsch! Ergänzend sollte eine Nahkampfausbildung bei der GSG9 zum Grundbestandteil der Umschulungsmaßnahme gemacht werden und los geht 's!

Und so ist doch allen gedient: Die Kita-Betreiber könne sich freuen, denn demnächst stehen Zehntausende von Hartz4Empfängern und vor allem wahrscheinlich -empfängerinnen auf der Matte, die als Praktikantinnen erst mal kostenlos die Löcher in der Personaldecke stopfen.

Die privaten Bildungsträger können sich ebenfalls freuen - nämlich auf neue Kunden, deren Umschulung Vater Staat bezahlt.
Und danach können sich wieder die Kitas freuen, nämlich über die Lohnzuschüsse für die Einstellung von Langzeitarbeitslosen.
Und vielleicht schafft es ja der eine oder die andere nicht über die Probezeit hinaus... und dann... ja, dann beginnt das Spiel einfach von vorne, und die nächsten Langzeitarbeitslosen werden umgeschult, probeweise angestellt - und tauchen pünktlich zur Bundestagswahl 2013 nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf. Und da freut sich dann sogar noch die - na klar - die Mutti. Die anderen Muttis - die richtigen, echten - schlagen die Hände über dem Kopf zusammen...

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