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SWR2 Meinung 21.5.2012 Modell "Stiftung Warentest"

Hans Gerzlich überlegt, ob Europa eine eigene Rating-Agentur braucht

Haben Sie schon mal „Deutschland sucht den Superstar“ geguckt? Natürlich haben Sie!

Gut, keine ganze Sendung vielleicht – das hält ja auch niemand aus, dessen IQ größer ist als die eigene Körpertemperatur – aber Sie wissen, worum es geht. Fein!

Da trällert ein mehr oder minder – meistens aber minder – begabter Hilfsschüler, der genau weiß, dass seine letzte Chance, aus seinem bis dahin schon hinreichend verpfuschten Leben, das bislang aus Schuleschwänzen, Rumhängen und Computerspielen bestand, noch halbwegs was zu machen, vom Wohlwollen einer dreiköpfigen Jury unter Vorsitz von Dieter Bohlen abhängt - oder sein Weg aus dem Studio ihn direkt in Hartz4 oder den Knast führt.

Und genau so funktioniert das mit den Ratingagenturen!
Da sitzen auch drei Juroren – Moody's, Fitch und Standard & Poor's – die entscheiden darüber, ob eine Firma oder gar ein ganzes Land noch oder schon wieder kreditwürdig ist. Halten die drei den Daumen hoch, gibt es weiter Kredite von normalen Banken zu normalen Zinsen. Senkt die Jury den Daumen, bleibt nur noch der Gang zum Kredithai. Auch das kennen wir aus dem normalen Leben: Eine Kleinanzeige in der Tageszeitung unter „Verschiedenes“: 'Bargeld sofort!' Unten unten im Kleingedruckten: 'Zinssatz 25 Prozent' – am Tag!

Ein kleiner, ein winzig kleiner unterschied besteht allerdings zwischen dem Tun einer Ratingagentur und dem von Dieter Bohlen: Bei DSDS können auch wir ganz normalen Normalbürger die Leistung des Delinquenten direkt am Fernseher mitverfolgen und begeistert in die Hände klatschen oder uns mit Grausen abwenden. Mit anderen Worten: Wenn wir am nächsten Tag ins Geschäft gehen und uns eine CD vom neuen... (abfällig) Superstar kaufen, wissen wir, was wir kriegen – egal, was der Bohlen dazu gesagt hat oder nicht.

Eine Ratingagentur ist quasi ein Dieter Bohlen nur ohne Fernsehen: Die hört sich im stillen Kämmerlein das Liedchen an und sagt uns dann hinterher, ob sie es gut fand oder schlecht. Und da müssen Sie sich dann drauf verlassen.

Jetzt ist der Vorsinger natürlich auch nicht doof! Wenn der kein hohes C kann, dann sucht der sich zum Vorsingen natürlich ein Lied aus, in dem kein hohes C drin vorkommt. Und wer von einer Ratingagentur geratet wird, hat wenig Interesse daran, daß alle Welt mitkriegt, wenn einem das Wasser schon bis zum Halse steht.
Man gibt also an negativen Informationen übers eigene Geschäft nur das preis, was sowieso schon jeder weiß, und malt die Zukunftsaussichten in himmelblauen Farben mit rosa Wölkchen – so dass so eine Ratingagentur im Prinzip auch nur raten [deutsch ausgesprochen]... äh: raten kann.

Und meistens geht das ja auch gut! Nämlich wenn keiner pleite geht. Passiert das doch mal, haben die Ratingagenturen vorher genau so viel gewusst wie Sie und ich. Die spektakulärsten Fälle auf diesem Gebiete waren die Pleiten von Enron, WorldCom, Parmalat oder der Staatsbankrott von Argentinien 2002. Davon sind die Ratingagenturen genau so überrascht worden wie die Anleger, die so ihre Ersparnisse verloren haben.

Und jetzt soll es also neben den drei großen amerikanischen Ratingagenturen endlich auch eine europäische geben. Als ob die besser singen könnte! Wie würde Dieter Bohlen sagen: Komm, Alte - so eine Ratung-Agentur brauchen wir doch genauso wenig wie eine dritte Schulter! Und damit hätte der Pop-Titan ausnahmsweise Recht!

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