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Klangkünstler Thomas Gerwin über sein einzigartiges Live-Radiokunst-Event am Abend des 4. Advents
Wie klingt die Nacht? Dieser Frage geht der Komponist und Klangkünstler Thomas Gerwin am Abend des SWR2 Klangtags am 21. Dezember nach. Reisen, Einsamkeit, Liebe, Vergnügungen, Nachrichten - all diese Themen finden in der Nacht ihre besondere Ausprägung, auch in klanglicher Art. Thomas Gerwin und sein Team bearbeiten diese Klänge live in einer dreistündigen Sendung. So entsteht im Baden-Badener Hörspielstudio ein großes, einzigartiges radiophones Werk - ein so nie wiederholbares Live-Radiokunst-Event.
Herr Gerwin, als Klangkünstler arbeiten Sie oft nachts. Wie erleben Sie die Nacht?
Die Nacht ist wie eine entfernte Verwandte, wenn man unterwegs ist mit dem Auto oder wenn man nachts in die Stadt geht und nach etwas sucht. Das sind die Momente, da ist die Nacht einsam oder weit entfernt. Die Nacht hat ja ganz viele verschiedene Gesichter. Ich finde es interessant, das in den Klang der Nacht einzubringen und als kompositorisches Material zu nutzen.
Der Abend ist übertitelt: "Der Klang der Nacht - Natur, Zivilisation und Gewalt". Warum haben Sie gerade die Gewalt im Titel herausgestellt?
Es gibt verschiedene Arten von Gewalt, z.B., wenn Leute ausgeraubt oder verfolgt werden. Das passiert natürlich auch gerne im Schutz der Nacht. Die Nacht schützt auch die Diebe und begünstigt die Verbrechen.
Dann gibt es z.B. die Notaufnahme in einem Krankenhaus. Während die Hörer den "Klang der Nacht" hören, vielleicht zu Hause mit einem Glas Rotwein, in Ruhe im Warmen, sind auch einige Leute draußen, die einfach da sein müssen, Polizisten, Ärzte, Nothelfer, Feuerwehrleute. Sie müssen auch in der Nacht besonders wachsam sein.
Dann gibt es die Naturgewalt, oder die Gewalt, die ich sehe, wenn Feuersbrünste sich ausbreiten. Oder auch die Gewalt, wenn es Terrorakte gibt, wie kürzlich in Indien. Da ist es wichtig, dass Leute parat sind, Tag und Nacht, und sofort reagieren können.
Wie wird der Abend in etwa ablaufen?
Es gibt komponierte Strecken, die Re-Mixe darstellen von fertigen Werken. Dann gibt es so genannte "Ohrenöffner", das sind immer wieder so ganz kleine Szenen, kurze Klänge, die man vielleicht zuerst gar nicht erkennt. Sie öffnen immer wieder das Ohr für das neue Thema. Ich finde den Begriff "Ohrenöffner" dafür schön, weil es ein kleines Zwischenspiel ist, das praktisch das Ohr "reinigt" oder öffnet, wie bei der Weinprobe, wo man ein Stück Weißbrot isst, um die Geschmackspapillen wieder zu öffnen.
Sind das reale Geräusche?
Das kann unterschiedlich sein, aber ich werde ganz viel mit O-Tönen arbeiten. Es werden auch Instrumentalkompositionen vorkommen, aber ich liebe das Geräusch sowieso. Es wird ganz viel passieren in verschiedenen kleinen Szenen. In einer Szene hört man zum Beispiel, wie das Publikum in einen leeren Theatersaal kommt, durcheinander redet, dann still wird wenn es dunkel wird, und es fängt an.
Neben den komponierten Strecken haben Sie auch Live-Schaltungen geplant. Was haben Sie vor?
Wir haben zum einen Live-Schaltungen aus der Region. Es sind zwei Teams in Ü-Wagen unterwegs. Das eine Team wird zunächst vom Weihnachtsmarkt in Stuttgart übertragen. Das gleiche Team meldet sich später aus einem Taxi, das in Stuttgart vor dem Hauptausgang der Feuerwehr steht. Wir sind im Taxi drin, hören den Sprechfunk. Und wenn wir Glück oder Pech haben, wie auch immer, dann erleben wir sogar noch live, wie die Feuerwehr ausrückt um zum Einsatz zu kommen.
Das andere Team aus der Region bringt zwei stillere Themen. Es wird einmal live am Bahnhof in Baden-Baden sein. Da hören wir, wie ein kleiner Regionalzug einfährt, ein paar Leute steigen aus, ein paar Leute steigen ein. Es ist eine stille, ziemlich einsame Bahnhofsatmosphäre. Dann haben wir einen ganz wunderschönen Platz oberhalb von Baden-Baden, wo wir um punkt 22 Uhr die Glocke einer kleinen Kirche hören werden. Ganz im Wald, ganz still. Eventuell fährt irgendwo noch ein Auto vorbei. Das ist wirklich auch live in dem Moment im Radio zu hören.
Dann gibt es einige Korrespondenten, die zum Beispiel aus London berichten. Der Korrespondent dort steht etwa am Trafalgar Square und geht dann in Richtung Piccadilly-Circus, dann hören wir, was dort passiert. Eine völlig gegensätzliche Situation gibt es in einer Schaltung nach Sydney, wo gerade nicht Nacht ist, sondern Tag, und wo nicht Winter ist, sondern Sommer. Das ist praktisch der Gegenpol zu uns, genau die andere Seite der Weltkugel sozusagen.
Dann wollen Sie noch ins Weltall schalten?
Genau. Wir werden Schaltungen zur ISS, zu einem Astronauten und zu einem Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen haben, wo alles zusammen läuft - wo z.B. auch die Lebensfunktionen der Astronauten überwacht werden und wo man sie auch sprechen hört.
Das heißt, dass man die Astronauten der ISS reden hören kann?
Eventuell sogar, dass man ihnen Fragen stellen kann. Ich würde sie z.B. fragen, ob bei ihnen gerade Tag oder Nacht ist. Die haben ja einen ganz anderen Rhythmus, da sie in 90 Minuten einmal die Welt umrunden. Das ist eine ganz andere Art, mit Tag und Nacht umzugehen, sie passieren ja ständig Tag und Nacht auf ihrem Weg.
Sie wollen auch Nachrichten einspielen?
Ja, das ist auch eine Sache, die nachts passiert und auf das hier und jetzt verweist. Ich möchte einen Live-Mix aus Nachrichten machen, und zwar mit Weltempfängern und übers Internet. Und wenn wir Glück haben und Barack Obama hat irgendetwas Spektakuläres gesagt oder es ist etwas passiert, dann ist das in allen Nachrichten drin. Dann haben wir das als Motiv, das immer wiederkehrt und das man auch rhythmisieren kann. Denn es ist ja alles Musik, es ist alles Klangkunst.
Wie wird denn aus diesen O-Tönen und Klängen, die Sie verarbeiten, Musik?
John Cage hat gesagt, man empfindet Lärm als lästig, es sei denn, man hört zu. Dann wird es plötzlich interessant. Da ich Komponist und Klangkünstler bin, organisiere ich den Klang, bearbeite und gestalte ihn. Eine Gestaltung kann aber auch darin bestehen, einen bestimmten Klang einfach so stehen zu lassen. Dann wird es aber auch extreme Eingriffe geben. Es gibt auch Instrumentalmusik, die ganz "normal" komponiert ist. Aber es geht ja um den Klang der Nacht, und der Klang der Nacht ist nicht einfach eine Orchestermusik. Es ist der Klang der Welt, und der besteht hauptsächlich aus Geräuschen und lebendigen Wesen.
Am Abend selbst wird es in Baden-Baden auch Publikum im Studio geben. Was können die Zuschauer dort erleben?
Das Ganze passiert ja live. Und genau so, wie das an diesem Abend am 21. Dezember in Baden-Baden passiert, kann es vorher oder nachher nicht passieren. Ich habe Teile meines Stein-Instrumentariums mit, Sampler, Keyboard und eine ganz Menge von Perkussionsinstrumenten, und alles, was erklingt, wird praktisch noch leicht verfremdet, gefiltert und leicht bearbeitet. Ich finde es schön, das mit Publikum zu machen, so dass man aufeinander eingehen kann und den Abend miteinander erlebt und gestaltet.
Wie stellen Sie sich ihren Zuhörer vor?
Offen und interessiert, d.h., hoffentlich gelingt es uns, ihn zu interessieren und zu fesseln. Man kann natürlich den ganzen Abend als eine große Gesamtkomposition hören, das dauert dann drei Stunden. Aber der Abend besteht auch aus ganz vielen kleinen Sachen, d.h., man kann auch mal rausgehen oder sich bewegen. Es besteht ja auch viel aus Geräuschen, die er kennt, bzw. die an seinem Arbeitsplatz oder in seinem Wohnzimmer, seinem Auto oder wo immer er gerade hört - auch vorkommen, so dass es immer auch einen Bezug zur Lebenswirklichkeit gibt. Es geht um einen offenen, freundlichen Umgang mit Musik, auch mit avancierter Musik.
Wenn Sie sich diesen Abend entspannt anhören könnten, wie würden Sie das tun?
Ich glaube, ich würde es mit ein paar Freunden anhören wollen in 5.1 - als eine Art Public Listening - mit Freunden, damit ich mich über das Gehörte auch austauschen kann. Je nachdem wie die Stimmung ist, würde ich mich vielleicht auch allein mit einer Flasche Wein zurückziehen, aber ich denke, eher würde ich es mit Freunden anhören wollen.
Letzte Änderung am: 03.12.2008, 15.16 Uhr