Seite vorlesen:
Von Kevin Chen
Kevin Chen wurde 1976 im ländlichen Taiwan geboren. Nach acht Töchtern hatten seine Eltern mit ihm endlich einen Stammhalter hingekriegt. Trotzdem ging er 2003 nach Deutschland. In Taiwan ist er seither nur noch zu Besuch: Momentan präsentiert er dort seinen neuen Roman. Beim Deutschlernen hat er festgestellt, dass Wörter wie "Schnitzel" oder "Geschwindigkeitsbegrenzung" sexy wirken können.

Kevin Chen
Mit zehn habe ich mein allererstes deutsches Wort gehört, als ich den Film "Sound of Music" gesehen habe. Julie Andrews hat in dem Film so schön gesungen. "Doorbells and sleigh bells and schnitzel with noodles". Ich habe das Lied so geliebt, dass ich alle Wörter in meinem kleinen Englisch-Chinesisch-Wörterbuch sofort finden und lernen wollte. Aber das Wort "Schnitzel" konnte ich in dem Wörterbuch nicht finden. Meine vierte Schwester, die Germanistik studiert hat, hat mir dann erklärt: "Das ist ein typisches deutsches Wort! Siehst du, sch und z." Ich habe mich in das "sch" und das "z" sofort verliebt und immer wieder geübt, das Wort perfekt auszusprechen. Für mich hörte sich das Wort sehr kräftig und hart an wegen des "sch" und des "z". Und das war auch meine Vorstellung über Deutschland. Das musste ein kräftiges Land sein, dachte ich.
Mit 28 zog ich nach Berlin. Ich habe eine Privatschule in Prenzlauer Berg besucht, um Deutsch zu lernen. In einer Unterrichtsstunde habe ich "Geschwindigkeitsbegrenzung" gelernt. Das verrückte Wort hat 26 Buchstaben. Wie kann ich so ein Wort lernen? Wie kann ich Deutsch überhaupt lernen? Das ist unmöglich! Diese "sch", "ts", "ren", und "zung" waren Sprengstoff, der in meinem Mund gezündet wurde. Ich war ziemlich frustriert und stumm. Ich glaubte nicht, dass ich es jemals schaffen könnte.
Die Kraft dieser Sprache hat mich zum Schweigen gebracht.
Aber langsam habe ich herausgefunden, dass dieses Wort eigentlich aus zwei Wörtern zusammengesetzt wurde. "Geschwindigkeit" ist worauf dieses Land stolz ist. "Alle deutschen Autos sind schnell wie der Blitz", sagte mein Vater, der in Taiwan mit seinem BMW sehr gerne unterwegs gewesen ist. "Und auf der deutschen Autobahn", sagte er, "gibt es keine "Begrenzung"." Ah, das ist ein schnelles Land. Das hat mir sehr gut gefallen, weil ich kein geduldiger Mensch bin.
Dann sind einige Sachen passiert: Ich habe auf der Ausländerbehörde sechs Stunden warten müssen. Ich musste zwei Monate warten, um einen DSL-Anschluss zu bekommen. Mein ICE von Berlin nach Frankfurt hatte einmal zwölf Stunden Verspätung wegen des kalten Winters.
Doch, es gibt in Deutschland "Begrenzungen".
Eine Freundin von mir in Taiwan, die gar kein Deutsch sprechen kann, wollte einmal einige deutsche Wörter von mir hören. "Bitte, sag etwas auf Deutsch. Ich finde die Sprache so männlich und sexy." Dann habe ich einfach "Wienerschnitzel" "Käsespätzle" und "Geschwindigkeitsbegrenzung" gesagt. Sie hat zu mir gesagt, "Kevin, zum ersten Mal finde ich dich richtig männlich. WOW!"
Dank des Deutschen konnte ich auch einmal in meinem Leben sexy sein.
Kevin Chen
Letzte Änderung am: 12.12.2011, 16.28 Uhr