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27.10.07 Samstag
Der Flug mit der Air China dauert etwa neun Stunden. China ist uns in der Zeit sechs Stunden voraus, als wir in Peking ankommen, ist es etwa sieben Uhr Ortszeit. Die Grenzformalitäten sind schnell genommen, fast unkompliziert verglichen mit einer Einreise in die USA. Die Landung selbst erscheint wie ein Wunder, denn in Peking herrscht dichter Nebel. Es ist herbstlich kühl.
Bei der langen Taxifahrt taucht die Stadt nur zögernd aus der nassen, grauen Suppe auf. Ist das ein echter Nebel oder bereits eine Hardcore-Variante des viel beschworenen Pekinger Smogs? Am nächsten Tag wird sich das Thema Smog erledigen, denn Peking erfreut uns durch eine kristallklare, kühle Witterung, während der vier Tage vor Ort herrscht sozusagen Parteitagswetter, wie bestellt.
Und dann ist auch zu sehen, was bei der Einfahrt in die unbekannte Riesenstadt nur schemenhaft erkennbar war: Eine Hochhauslandschaft, eine Versammlung von Wohnburgen und Geschäftspalästen, nicht unbedingt Wolkenkratzer, sondern eher behäbige bis geräumige Kästen in der primär horizontal angelegten Stadt Peking. Wir fahren vorbei an Architekturen, die schnell wachsen, sich gelegentlich auch einen kessen Schnörkel leisten, die aber noch schneller zu altern scheinen. Peking, das ist ein Zusammenspiel von Vergessen, heute und übermorgen! Die Olympiade steht vor der Tür, erwartungsfroh kündigt sich das kommende Ereignis an, vor allen Dingen im Fernsehen wird auf allen Kanälen getrommelt.
Wir wohnen im 'Grand View Garden Hotel', in einer weitläufigen Hotelanlage im Süden in Xuan Wu. Das ist ein vergleichsweise unterentwickelter Ortsteil am zweiten Stadtring. Hinter den manchmal noch gemütlichen, baumgesäumten Straßen mit kleinem Gewerbe und einladender Gastronomie bröckeln Wohnbauten von gestern, eine neue Baugeneration schaut aus den Verschalungen. Das Hotel liege in der Nähe der Akademie, hat es zuvor geheißen; trotzdem braucht man zu Fuß noch eine gute Stunde. Das sind die kurzen langen Distanzen in der Millionenstadt Peking! Und wer hat schon Lust, sich an den gesichtslosen wie ungemütlichen Schnellstraßen seinen Weg zu suchen? Taxifahren ist für den Ausländer mit einer starken Währung in der Tasche ohnehin eine vergleichsweise billige Angelegenheit. Für einen Euro bekommt man heute etwas mehr als zehn Yuan.
Schon um 14 Uhr ist eine erste Vorbesichtigung des Studios in der Akademie eingeplant. Die "National Academy", ursprünglich die "Academy of Chinese Traditional Opera", ist vor wenigen Jahren in einen Neubau außerhalb des zweiten Rings gezogen. Ein großes Theater mit hohem Bühnenhaus und ein einladender Sportplatz sind die ersten Erkennungsmerkmale. 1000 Studenten werden hier von 200 Lehrern unterrichtet, so sagt es die Auslandsbeauftragte Chai Lixing im Interview. Sechs Studiengänge werden angeboten: Die darstellende Kunst für Sänger, Schauspieler und Akrobaten, die Musik für Interpreten und Komponisten, die Regie, die Literatur für Librettisten, aber auch Fachkritiker, das Bühnenbild und die Ausstattung. Der letzte Studiengang ist der jüngste, es geht mit Blick in die Zukunft um Neue Medien und Sound Design.
Für den Dresdner Karsten Gundermann ergab sich schon in Deutschland eine enge Verbindung zu der Gattung: Der unbestrittene deutsche Kenner der Peking-Oper Gerd Schönfelder hat sie ihm vermittelt. 1992/93 hat Gundermann dann am Institut Musik und Literatur zur Peking-Oper studiert. Seine "Nachtigall" wurde 1993, natürlich in Peking, uraufgeführt. Das Ton-Studio residiert im fünften Stock des Bibliotheksgebäudes. Für unsere Aufnahme ist es gerade ausreichend, um nicht zu sagen, fast ein wenig zu klein, also für ein Ensemble von 12 Instrumentalisten und einigen (wenigen) Darstellern; "ein mittleres Aufnahmestudio, in der Größenordnung eines kleinen Kammermusiksaals, auch ziemlich gedämpft", so lautet die Klassifizierung von Thomas Angelkorte. Das verspricht eine trockene, sehr direkte Aufnahme.
Leider wird das Studio zur Zeit gerade umgerüstet. Deshalb haben wir sicherheitshalber eigene Technik mitgebracht. Und siehe da, am nächsten Tag wird sich erweisen, dass fast alles davon auch gebraucht wird, etwa unser kleines Misch-Pult (Meckie 1642), die mitgebrachten Mikrophone, ergänzt um die Haustechnik der Akademie. Die Aufnahme mit acht Kanälen und zwölf Mikrophonen läuft über den Laptop des Tonmeisters. Werner Grabinger wird öfters zum Lötkolben greifen müssen.
Trotz Jetleg machen wir nach der Studiobegehung eine Kurztour in die Stadt. Etwas mehr Historie bietet das Zentrum, sprich der Platz des Himmlischen Friedens (Tian’anmen). Da gibt es breite Straßen, stalinistische Restmonumente, altchinesische Architektur. Auch wir machen unsere Fotos am Eingangstor zur 'Verbotenen Stadt' , über dem heute ein Maobild hängt. Im Park nebenan tauchen wir kurz in eine Ruhezone. Ein alter Mann schreibt mit Wasser Kalligraphien auf den Stein und wir lernen, dass Schönheit vergänglich ist. Ein immer wieder neu aufgegossener Tee aus kleiner Kanne und winzigen Tassen, den wir im alten Teehaus neben unserem Hotel einnehmen, scheint dagegen ewig zu halten.
Dann: Schlafen, endlich schlafen!
Reinhard Ermen
Letzte Änderung am: 17.12.2007, 18.17 Uhr