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Heute gehen wir der Frage nach, warum die Chinesen ihre Sprache nicht in einer Alphabetschrift schreiben.
Jürgen Hoeren (H): Ni hao, Baus laoshi. Sie hatten behauptet, man könne Chinesisch wie jede andere Sprache in einer Alphabetschrift schreiben. Warum tun die Chinesen das dann nicht?
Wolfgang Baus (B): Bedenken Sie, was die Grundvoraussetzung dafür wäre: Eine Alphabetschrift fixiert Laute, d.h. sie funktioniert nur da, wo gleich gesprochen wird. Auf Deutschland übertragen: Schon wenn ich hier bei Ihnen im Süden aus Fritz Reuters „Ut mine Stromtid“ vorlesen würde, würde ein Großteil der Hörer kaum ein Wort verstehen, und mir als Holsteiner erginge es wahrscheinlich nicht anders, wenn ein Bayer mir etwas von Ludwig Thoma vorlesen wollte. Eine Alphabetschrift funktioniert also nur dann übergreifend, wenn eine die Dialektgrenzen übergreifende Hochsprache existiert.
H: Aber ich dachte, die existiert in China mit dem Mandarin oder wie das jetzt noch genannt wird....
Mu Gu (G): Putonghua, Allgemeinsprache...
B: Richtig, nur ist die noch lange nicht in ganz China so weit durchgesetzt, dass in diesem gewaltigen Raum, der so groß ist wie Europa, Menschen aller Schichten sie sprechen und verstehen.
G: Man macht zwar große Anstrengungen, die Putonghua zu verbreiten, und das Fernsehen ist dabei bestimmt sehr hilfreich, doch wird es bestimmt noch Jahrzehnte dauern, bis diese Hochsprache nicht länger nur eine Verkehrssprache der Gebildeten ist. Erst dann könnten wir in der Tat überlegen, ob wir uns von unseren Schriftzeichen trennen und zu einer Alphabetschrift übergehen sollten.
H: Sie erwähnten, dass auf einer Seite der Visitenkarte Chinesisch in Alphabetschrift geschrieben wird. Das heißt, man benutzt auch in China in bestimmten Situationen eine Alphabetschrift? Wann noch, Gu laoshi?
G: In den größeren Städten sind zum Beispiel die Straßennamen auf den Schildern mit einer Alphabetschrift unterlegt, auch die Haltestellen der U-Bahn bei uns in Peking, auch manche Ladenschilder...
B: Allerdings sind - so auch auf den Visitenkarten - niemals die Töne mit notiert, obwohl das in der Umschrift vorgesehen ist. Und Sie wissen ja inzwischen, wie wichtig die sind. Was mir immer das Gefühl gibt, die Chinesen nehmen die Buchstaben nicht ganz ernst und sehen sie eher als etwas Exotisches an.
G: (lacht)...oder sie gehen davon aus, dass man diese Buchstaben nur schreibt, um den Ausländern entgegenzukommen, die das mit den Tönen sowieso nicht hinkriegen.
H: Zai jian!
Letzte Änderung am: 17.09.2007, 13.47 Uhr