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SWR2 Weblog: 60 Jahre BRD Wer ARD sagt, muss auch BRD sagen!

Ganz persönliche Erinnerungen an 60 Jahre BRD von Alfred Marquart

Zum SWR2 Schwerpunkt "60 Jahre BRD" im Mai 2009 schreibt SWR2-Redakteur Alfred Marquart über seine "ganz persönlichen Erinnerungen an das Erwachsenwerden" in sechs Jahrzenten BRD im SWR2 Blog.

"Lieben Sie den deutschen Staat?" wurde der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann gefragt, und er antwortete: "Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau." Die Antwort hat mir immer sehr gefallen, weil sie aus dem Mund eines klugen Mannes klar gemacht hat, wie es mit Gefühlen wie Liebe oder Haß zu stehen hat.

Liebe ich Deutschland? Nein, aber wir sind miteinander alt geworden. Wobei ich dem Land ein klein wenig voraus bin. Ich war noch ein Kind, aber eines, das die Umwelt schon aufgenommen hat, als die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde. (BRD durfte man ja lange nicht sagen, das galt als östlich-kommunistische Bezeichnung. Noch als ich viel später einmal über die Frequenzen des guten alten SDR den Satz verbreitete: "Wer ARD sagt, muß auch BRD sagen!", wurde ich gerügt.)

Parallel zu meinen Kinderkrankheiten Masern und Keuchhusten entwickelte auch die junge Republik die ihren – braune Pusteln brachen immer wieder auf, heraus krochen alte Nazis, die sich's im neuen Staat bequem eingerichtet oder das zumindest versucht hatten. Das störte mich zunächst nicht weiter, ich spielte lieber in den Ruinen von Karlsruhe, derer es genügend gab damals. Oder ich ging zum Bahnhof, um zuzuschauen, wie Bundeskanzler Adenauer umstieg auf dem Weg nach Baden-Baden, wo er regelmäßig auf der Bühlerhöhe sich zu regenerieren versuchte.

Und dann kamen nach und nach die Väter zurück – bei meinem besten Schulfreund saß plötzlich einer am Frühstückstisch, den er nicht kannte. Der war aus Rußland wiedergekommen. Und meine Mutter verlor ihre gute Position in ihrer Bank, weil die Männer wieder da waren und die Frauen dorthin zurückzukehren hatten, wo sie bekanntlich hingehörten: an die Sekretärinnenschreibtische, wenn schon nicht an den Herd. Das ließ meine Mutter dankenswerterweise, denn sie konnte nicht kochen.

Abends versammelte man sich um einen schwarzen Bakelit-Kasten, aus dem ein Programm tönte, auf dessen Skala aber merkwürdige Orte standen. Beromünster ist mir noch in Erinnerung. Oder Hilversum. Wo immer das liegen mochte. Die Musik, die wir Schüler privat hörten, wurde dort allerdings nicht gespielt. Das gab sich erst in den Sechzigern. Und die Realität begann unser Leben immer mehr zu überlagern. Ich weiß noch genau, wo ich war, als Präsident Kennedy erschossen wurde oder als es in Vietnam so richtig losging. Ich erinnere mich an die Meldungen vom Tod Marilyn Monroes oder Johannes XXXIII., auf den auch wir Nicht-Katholiken große Hoffnungen gesetzt hatten. Und immer hatte das etwas mit meinem Leben zu tun.

Als die Große Koalition von niemandem betrauert dahinschied, hatte ich gerade meine private kleine geschlossen und feierte beides in einer "Maskenball"-Vorstellung im Badischen Staatstheater, wo wir in den Pausen ständig telefonierten, um weitere Hochrechnungen zu erfahren. Damals war ich in Heidelberg frisch zwischen andere Fronten geraten. Als ich aus einem Buchladen am Universitätsplatz kam, schlugen mich Polizisten zusammen, als ich meinen Geschichtsprofessor unterstützte, bewarf man mich von studentischer Seite mit Torte. Da waren übrigens heutige Politiker dabei. Und die Torte war nicht gut.

Da ich begriff, dass keine der beiden Seiten mich wollte, beschloss ich, mich als Zuschauer einzurichten und wurde Journalist. Das Zuschauen fiel mir, einem Kind, das zur Hälfte von Pragern abstammte und zur anderen Hälfte aus einer Familie, die sich mit den Städtenamen Köln und La Rochelle beschreiben läßt, mehr als leicht.

Deswegen habe ich auch, denke ich, keine Probleme gehabt, mit der Bundesrepublik alt zu werden – jetzt, wo man BRD sagen darf, will ich es nimmer. Ich kann leicht darüber reden, will darüber reden, wissen, was andere zu sagen haben, wie sie aus ihren Positionen dasselbe anders gesehen haben. Ich möchte klar machen, welchen Weg wir letztlich doch gegangen sind. Und dass das, bei allen Einschränkungen, auch ein ordentlicher Weg gewesen ist. Die miefige kleine Bonner und die etwas großzügigere Berliner Republik sind schon mehr als nur nicht unangenehm gewesen. Wir haben uns eben, wie ein altes Ehepaar, aneinander gewöhnt.

Alfred Marquart

Letzte Änderung am: 06.05.2009, 15.50 Uhr



Alfred Marquart

Letzte Änderung am: 06.05.2009, 15.50 Uhr