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Musikstück der Woche vom 30.8. bis 5.9.2010 Vollendet unvollendet

Ob Franz Schuberts h-moll Sinfonie wirklich 'unvollendet' ist, wie ihr Name unterstellt?! Darüber lässt sich streiten. Unstrittig ist sie eine der schönsten Sinfonien der Musikgeschichte.

Unter der Leitung des niederländischen Dirigenten Ton Koopman spielte das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg 2008 diese Sinfonie ein. Koopman zählt zu den agilen Gründungsvätern einer historisch orientierten Aufführungspraxis und verleiht dieser Aufnahme eine besondere 'Note'.

9 Takte gaben ihr den Namen

Franz Schubert: Sinfonie h-moll, "Die Unvollendete" D 759 Allegro moderato, Andante con moto

Wann ist eine Sinfonie vollendet? Wenn sie vier Sätze hat? Oder gar fünf? Oder nur zwei?! Dass Franz Schubert vom Scherzo seiner h-moll Sinfonie nur 9 halbfertige Takte schrieb, zum Trio auch nicht viel mehr als Skizzen hinterlies, verlieh diesem Werk seinen Beinamen "Die Unvollendete" und außerdem den unausweichlichen Charme eines Torsos. Aber stimmt das? Empfinden wir die Unvollendete wirklich als so unvollendet? Umgekehrt gesagt: Im Grunde handelt es sich bei Schuberts Sinfonie h-moll D 759 um ein besonders 'vollendetes' Werk, denn seine beiden Sätze sind jeder für sich eine eigene, restlos vollendete Welt.

Und bis heute ist nicht geklärt, ob nicht Schubert selbst diese zweisätzige Sinfonie-Lösung sogar als durchaus tragfähig und musikalisch komplett ansah. Immerhin schickte er die Partitur der beiden Sinfoniesätze 1823 dem Steiermärkischen Musikverein Graz zur Aufführung. Klar ist nur, dass Schubert mit seinen sinfonischen Werken eine Alternative zu Beethoven schaffen wollte, und das ist ihm gelungen. Beethoven als das damalige Maß aller Dinge in Sachen Sinfonik erfährt in Schuberts "Unvollendeter" ein Pendant, das nicht nur als Bindeglied zwischen Klassik und Romantik gesehen sondern auch als eines der populärsten Musikstücke des 19. Jahrhunderts gefeiert wird.

Über die genaue Entstehungsgeschichte der Sinfonie lassen sich bis heute keine sicheren historischen Belege finden. Bekannt ist nur, dass Schubert sie im Herbst 1822 komponierte. Sechs Jahre blieben ihm noch bis zu seinem Tod, und doch vollendete er diese Sinfonie nicht. Da sie mit ihren zwei Sätzen auch nicht in den klassischen Kanon der Sinfonik passte, wundert es kaum, dass sie zu Schuberts Lebzeiten nie in einem Konzert erklang. Und dass diese Sinfonie tatsächlich so etwas wie ein unergründetes posthumes Erbstück ist, zeigt auch der Umstand, dass sie erst 17.12.1865 im Wiener Musikverein uraufgeführt wurde - das war fast 40 Jahre nach Schuberts Tod.

Der Dirigent Ton Koopman

Der 1944 im niederländischen Zwolle geborene Ton Koopman ist studierter Musikwissenschaftler, Organist und Cembalist. Als Dirigent gründete er 1979 das Amsterdam Baroque Orchrestra und 1992 den Amsterdam Baroque Choir, die beide längst als führende Ensembles im Bereich der historischen Aufführungspraxis Interpretationsgeschichte geschrieben haben. Seit 2004 ist Koopman außerdem Professor für Musikwissenschaft an der Universität Leiden.

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Die Geschichte des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg reicht in das Jahr 1946 zurück. Sie ist geprägt von unroutiniertem Umgang mit der Tradition, Aufgeschlossenheit für das Neue und Ungewöhnliche: Tugenden, über die auch Chefdirigent Sylvain Cambreling in ungewöhnlichem Maße verfügt, der seit 1999 mit dem Orchester arbeitet. Er bildet, zusammen mit seinem Vorgänger Michael Gielen und Hans Zender als ständigen Gastdirigenten, ein Triumvirat, wie es in der internationalen Orchesterlandschaft beispiellos ist. 

Dass man mit hohen Ansprüchen Erfolg haben kann, beweist das Orchester bis heute. Mehr als 300 von ihm eingespielte Kompositionen sind auf CD erschienen, und es reist seit 1949 als musikalischer Botschafter durch die Welt. Zahlreiche Gastspiele verzeichnet die Orchesterchronik, darunter regelmäßig zum Festival d’Automne Paris, den Salzburger Festspielen, nach Wien, Berlin und Edinburgh, Brüssel, Luzern, Strasbourg, Frankfurt... 

1999 spielte das Orchester in der New Yorker Carnegie Hall u.a. die amerikanische Erstaufführung von Bernd Alois Zimmermanns "Requiem für einen jungen Dichter". Vielbeachtete Großprojekte fanden in den letzten Jahren unter anderem bei den Salzburger Festspielen, bei der 1. RUHRtriennale und in der Kulturhauptstadt Europas Graz statt. 2005/06 wurden - neben dem orchestereigenen 60. Geburtstag - sowohl Mozarts 250. als auch Helmut Lachenmanns 70. Geburtstag in etwa einem Dutzend Konzerten zwischen Wien und Paris, Brüssel und Berlin gefeiert.

Ungewöhnliche Konzert-Konzepte unterstreichen das besondere Profil des Orchesters: So etwa die Verschränkung von Haydns "Sieben letzten Worten" in einer den Raum einbeziehenden Bearbeitung von Sylvain Cambreling mit Messiaens "Et exspecto resurrectionem mortuorum" und literarisch-theologischen Betrachtungen von Martin Mosebach, oder eine "Hommage à Mozart" gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester.

Kerstin Unseld

Letzte Änderung am: 27.07.2010, 11.25 Uhr

Sendezeit Montags ab 13.05 Uhr

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