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Musikstück der Woche vom 04.07. bis 10.07.2011 Charmanter Ladenhüter

Mehr als 100 Jahre nach Mozarts Tod erst kam die Fagottsonate KV 292 heraus, ein ganz besonderes Continuo-Stück für zwei tiefe Instrumente, die sich wunderbar ergänzen.

Der norwegische Fagottist Dag Jensen und der ukrainische Pianist Kyril Zlotnikov spielten als Mitglieder des Jerusalem Chamber Music Festival Ensembles zur Eröffnung ihres Bruchsaler Schlosskonzerts am 21. April 2010 dieses seltene gehörte Kammermusikwerk.

Wolfgang Amadeus Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate für Fagott und Violoncello B-Dur KV 292 Allegro, Andante, Rondo. Allegro

Ganz modern und doch seiner Zeit hinterher

Mozarts Fagottsonate könnte man als musikgeschichtlichen Anachronismus bezeichnen. Erstens: Wann und wo Mozart seine Sonate B-Dur KV 292 schrieb, ist unbekannt. Und zweitens: Sicher ist, dass sie erst 1805 und damit lange nach Mozarts Tod erstmals im Druck erschien. Fest steht auch, dass es sich bei diesem Werk nicht um ein Duo handelt, in dem Fagott und Violoncello als gleichberechtigte Partner auftreten. Im Vordergrund steht klar das Fagott, während das Violoncello die Aufgabe eines Basso-continuo-Instruments übernimmt. Ein Vergleich mit den Duetten für Violine und Viola KV 423 und 424, die als separat gedruckte Stimmen erschienen, macht das noch deutlicher. Denn im Gegensatz zu ihnen erschien die Sonate KV 292, wie für Continuo-Sonaten üblich, als Partitur.

1805 jedenfalls war die Zeit für Continuo-Sonaten längst passé, das Schicksal einer Sonate für solistisches Bassinstrument und Basso Continuo das eines Ladenhüters. Darum scheint der Verlag auch tunlichst den altmodischen Begriff "Basso Continuo" vermieden und durch "Violoncello" ersetzt zu haben, was der Kundschaft suggerierte, es handle sich um ein Duo für Fagott und Violoncello. 'Altmodisch' ist Mozarts Sonate für das Jahr 1805 auch aufgrund des beschränkten Tonumfangs des Fagotts, der lediglich gute anderthalb Oktaven misst. Möglicherweise komponierte Mozart sein KV 292 also für ein Quint- oder Quartfagott. Diese 'kleineren' Instrumente werden heute gerne als Einstiegsinstrument für Kinder genutzt, waren in den 1780er Jahren aber durchaus gebräuchlich. Im Mai 1805 wurde im "Intelligenz-Blatt zur Allgemeinen Musikalischen Zeitung" jedenfalls der Druck dieser Sonate angekündigt. Warum sie erst posthum erschien ist ebenso ungeklärt wie der Verbleib ihres Autographs.

Jerusalem Chamber Music Festival Ensemble

1998 rief die Pianistin Elena Bashkirova das ins Leben, das alljährlich im September stattfindet. In gleicher Weise wie ihr Ehemann Daniel Barenboim setzt Bashkirova sich hier mit ihrer Musik für einen friedlichen Austausch zwischen Menschen und Völkern ein. Jerusalem mit seiner Ansammlung unterschiedlicher Kulturen und seiner einzigartigen spirituellen Atmosphäre vereint seither Musiker verschiedenster Nationen und religiöser Hintergründe, um die Tradition des jährlich stattfindenden Kammermusikfestivals fortzuführen, das längst ein maßgeblicher Bestandteil des kulturellen Lebens in Israel geworden ist.
Im Rahmen der Saisonplanung vieler bedeutender internationaler Konzertveranstalter und Festivals erhält das Ensemble des Jerusalem Chamber Music Festivals in verschiedenen Konstellationen rund um Elena Bashkirova zahlreiche Auftrittsmöglichkeiten auch außerhalb Israels und begeistert so sein Publikum in Europa und den USA. Beim Bruchsaler Schlosskonzert am 21. April 2010 spielt das Jerusalem Chamber Music Festival Ensemble Mozarts Fagott-Sonate in der Besetzung mit folgenden Künstlern:

 

Der norwegische Fagottist Dag Jensen war mit 16 Jahren Kontrafagottist beim Bergen Philharmonischen Orchester. Von 1985 bis 1988 ging er als Solofagottist zu den Bamberger Symphonikern, später zum Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester. 2003 war er Solofagottist im neugegründeten Luzern Festival Orchestra unter Claudio Abbado. Auch Seiji Ozawa holte ihn als Solofagottist im Saito Kinen Festival Orchestra.

Zweimal gewann Jensen den ARD-Wettbewerb in München, und seit 1997 hat er eine Professur an der Hochschule für Musik und Theater, Hannover inne. Ab WS 2011 wechselt er als Professor an der Münchner Musikhochschule.


Kyril Zlotnikov, geboren in Minsk, stammt aus einer musikalischen Familie und begann seine musikalische Ausbildung an der Staatlichen Akademie von Weißrussland bei Vladimir Perlin. Später setzte er sein Cello-Studium in Israel fort. Er nahm an Meisterklassen von Yo-Yo Ma, Natalia Gutman und György Kurtág teil. Ab 1991 erhielt er ein Stipendium der Israelisch-Amerikanischen Kulturstiftung und gewann mehrere Preise.
Zlotnikov ist Mitglied des Jerusalem String Quartets. Neben seinen kammermusikalischen Tätigkeiten trat er solistisch mit dem Israel Philharmonic Orchestra, dem West-Eastern Divan Orchestra und dem Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele auf. Er konzertierte mit Künstlern wie Daniel Barenboim, Pierre Boulez, Natalia Gutman und Lang Lang. Seit 2003 unterrichtet er die Celloklasse des West-Eastern Divan Orchestra unter Barenboim. Kyril Zlotnikov spielt u.a. ein 1970 von Sergio Peresson gebautes Cello, das ihm Daniel Barenboim als das Lieblingscello seiner ersten Frau Jacqueline du Pré zur Verfügung stellt.

Kerstin Unseld

Letzte Änderung am: 19.04.2011, 10.04 Uhr

Sendezeit Montags ab 13.05 Uhr

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