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Musikstück der Woche 6.12.-12.12.2010 Sinfonie in 96 Stunden

Wolfgang Amadeus Mozart:"Linzer" Sinfonie C-Dur KV 425

Die "Linzer" ist ein Wunder: In Windeseile komponiert und dennoch überreich an glänzenden musikalischen Ideen, die zudem perfekt ausgearbeitet sind. Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg spielt unter Leitung seines Chefdirigenten Sylvain Cambreling. Ein Konzertmitschnitt vom März 2001 in der Rhein-Mosel-Halle Koblenz.

Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie C-Dur KV 425 "Linzer Sinfonie"
1. Adagio - Allegro spiritoso 2. Andante 3. Menuetto - Trio 4. Presto

"Dienstag als den 4ten November werde ich hier im theater academie geben. - und weil ich keine einzige Simphonie bey mir habe, so schreibe ich über hals und kopf an einer Neuen, welche bis dahin fertig seyn muß" - so schreibt Mozart seinem Vater in einem Brief vom 31. Oktober 1783. Das frisch verheiratete Ehepaar Mozart ist auf der Rückreise von Salzburg nach Wien, macht in Linz für ein paar Tage Zwischenstation, und Mozart nimmt die Gelegenheit, hier ein Konzert - oder wie es damals heißt, eine Academie - zu geben, gerne wahr.

Vier Tage bleiben also für die Komposition, für das Ausschreiben der Stimmen und für die Proben. Man hat ausgerechnet, dass selbst ein routinierter Notenkopist es nur mit Müh und Not schaffen würde, die Partitur und Einzelstimmen in dieser kurzen Zeit abzuschreiben. Dass Mozart in diesen 96 Stunden zudem die kompositorische Arbeit leistet, grenzt an ein Wunder. Und mehr noch: an keiner einzigen Stelle merkt man dieser Sinfonie an, dass sie unter Zeitdruck entstanden ist - und schon gar nicht hat Mozart zu bewährten Mustern aus der Routinekiste gegriffen. Die "Linzer" Sinfonie ist ein grandioser Wurf, großartige Musik, ausgefeilt bis ins letzte Detail.

Die "Linzer" ist Mozarts erste Sinfonie, die mit einer majestätischen langsamen Einleitung beginnt - die Frucht von Mozarts Auseinandersetzung mit den Sinfonien Joseph Haydns. Der Musikforscher Alfred Einstein hat es brillant beschrieben: "Es gibt ein Blättchen von Mozarts Hand, auf dem die Incipits [Anfangstakte] dreier Haydnscher Symphonien notiert sind, darunter gerade eine mit einleitendem Grave aus dem Jahre 1782. Nur hatte Haydn bis dahin noch keine langsame Introduktion geschrieben wie die Mozarts, mit ihrem heroischen Beginn und der helldunklen Fortsetzung, die aus süßester Sehnsucht in die Tiefe unheimlicher Erregung führt."


Immer am Abgrund und trotzdem strahlend

Mozart interessiert sich für das Balancieren am musikalischen Abgrund; dafür, wie in einer geordneten und wohlklingenden Welt plötzlich eine drängende Unruhe auftauchen kann, für das Brüchige und Zwielichtige. Er ist ein Meister darin, in diese finsteren Gräben einzutauchen und sich mit einem Schlag wieder daraus zu befreien. Wer als Zuhörer nicht ganz bei der Sache ist oder als Interpret über die entscheidenden Stellen hinwegspielt, verpasst etwas ganz Wesentliches. Das ist auch bei dieser langsamen Einleitung so: Sie wirkt festlich und prunkvoll; mit ihren scharfen Doppelpunktierungen steht sie in direkter Verwandtschaft mit der französischen Oper. Doch unter der Oberfläche gärt und brodelt es: plötzliche dynamische Kontraste vom Forte ins Piano, chromatisches Raunen in den Bass-Stimmen, spannungsgeladene Harmonien und Seufzerfiguren stellen alles, was in den Anfangstakten mit großer Geste formuliert wurde, in Frage.

Der zweite Satz vereinigt die klingenden Attribute einer heilen Welt: er steht in F-Dur und ist in wiegendem Siciliano-Rhythmus gehalten – beides musikalische Merkmale für Weihnachten und ländliche Idylle. Doch auch hier gibt es bedrohliche harmonische Eintrübungen, und die sparsamen Einsätze von Pauken und Trompeten (alles andere als üblich in langsamen sinfonischen Sätzen) haben eine geradezu apokalyptische Intensität.
Das Finale der Linzer Sinfonie ist weit mehr als ein leichtgewichtiger Rausschmeißer. Auch dieser Satz enthält eine „staunenswerte Skala von Empfindungen“ (wie der Musikforscher Hermann Abert es formulierte) und große kontrapunktische Kunstfertigkeiten. Hier kündigt sich bereits die Gewichtsverschiebung an, die zum triumphalen Finale in Mozarts letzter Sinfonie führt.


SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Die Geschichte des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg reicht in das Jahr 1946 zurück. Sie ist geprägt von unroutiniertem Umgang mit der Tradition, Aufgeschlossenheit für das Neue und Ungewöhnliche: Tugenden, über die auch Chefdirigent Sylvain Cambreling in ungewöhnlichem Maße verfügt, der seit 1999 mit dem Orchester arbeitet. Er bildet, zusammen mit seinem Vorgänger Michael Gielen und Hans Zender als ständigen Gastdirigenten, ein Triumvirat, wie es in der internationalen Orchesterlandschaft beispiellos ist. 

Dass man mit hohen Ansprüchen Erfolg haben kann, beweist das Orchester bis heute. Mehr als 300 von ihm eingespielte Kompositionen sind auf CD erschienen, und es reist seit 1949 als musikalischer Botschafter durch die Welt. Zahlreiche Gastspiele verzeichnet die Orchesterchronik, darunter regelmäßig zum Festival d’Automne Paris, den Salzburger Festspielen, nach Wien, Berlin und Edinburgh, Brüssel, Luzern, Strasbourg, Frankfurt... 

1999 spielte das Orchester in der New Yorker Carnegie Hall u.a. die amerikanische Erstaufführung von Bernd Alois Zimmermanns "Requiem für einen jungen Dichter". Vielbeachtete Großprojekte fanden in den letzten Jahren unter anderem bei den Salzburger Festspielen, bei der 1. RUHRtriennale und in der Kulturhauptstadt Europas Graz statt. 2005/06 wurden - neben dem orchestereigenen 60. Geburtstag - sowohl Mozarts 250. als auch Helmut Lachenmanns 70. Geburtstag in etwa einem Dutzend Konzerten zwischen Wien und Paris, Brüssel und Berlin gefeiert.

Ungewöhnliche Konzert-Konzepte unterstreichen das besondere Profil des Orchesters: So etwa die Verschränkung von Haydns "Sieben letzten Worten" in einer den Raum einbeziehenden Bearbeitung von Sylvain Cambreling mit Messiaens "Et exspecto resurrectionem mortuorum" und literarisch-theologischen Betrachtungen von Martin Mosebach, oder eine "Hommage à Mozart" gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester.

Doris Blaich

Letzte Änderung am: 22.11.2010, 17.39 Uhr

Sendezeit Montags ab 13.05 Uhr

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