Seite vorlesen:
Wolfgang Amadeus Mozart schrieb 1784 ein Quartett, das mit vagen Klängen von Jagdfanfaren beginnt, was ihm seinen berühmten Titel eingebracht hat.
Mit diesem sogenannten "Jagdquartett" eröffneten am 27.11.2009 die vier Streicher des Kuss Quartetts ihr Ettlinger Schlosskonzert.
Wolfgang Amadeus Mozart: Streichquartett B-Dur KV 458 "Jagdquartett" Allegro vivace assai, Menuetto. Moderato – Trio, Adagio, Allegro assai
Manchmal setzt sich ein Verleger-Trick durch, so auch im Falle des "Jagdquartetts" von Wolfgang Amadeus Mozart. Denn der Titel stammt keineswegs von Mozart selbst, sondern wurde dem 1784 vollendeten Werk ob seines pastoralen Charmes zu Beginn und den Assoziationen an Jagdfanfaren und Hörnerschall gegeben.

Wolfgang Amadeus Mozart
Längst hat er sich zwar in der Konzertpraxis durchgesetzt, einfacher und sinnstiftender jedoch ist es, das Werk als das vierte der Haydn-Quartette zu bezeichnen, die Mozart ausdrücklich seinem Vorbild Joseph Haydn mit den vielzitierten Worten gewidmet hatte: "Berühmter Mann und mein teuerster Freund, nimm hier meine Kinder." Von Haydn, so behauptete Mozart, habe er gelernt "wie man Quartetten schreiben müsse".
Gerade weil das Vorbild Haydn so mächtig war und eine Quartettsammlung wie Haydns op. 33 solche Maßstäbe setzte, tat Mozart sich in den Jahren 1783/4 mit eigenen Quartetten schwer und vermerkte, dass sie die "Frucht einer langen und mühevollen Arbeit" gewesen seien.

Der Hinweis auf den mühevollen Entstehungsprozess trifft vor allem auf das B-Dur Quartett zu: Im Frühsommer 1783 schrieb Mozart einen halben Kopfsatz und setzte dann die Arbeit erst ein Jahr später fort. Dieses Jahr dazwischen liest sich in Mozarts Leben und Schaffen, als sei es ein Programm für mehrere Jahre: Hatte er doch große Erfolge als Pianist gefeiert, Kompositionen wie die c-Moll-Messe und zahlreiche Klavierkonzerte geschrieben, eine Reise nach Salzburg unternommen, Geburt und Tod des ersten Sohnes erlebt, auf der Heimreise über Linz - geschwind – die "Linzer Sinfonie" komponiert, erstmals persönlich Haydn getroffen, das "Verzeichnüß aller meiner Werke" angelegt und war den Freimauern beigetreten. Fast schon lakonisch mutete da Vater Leopolds Urteil über das Jagdquartett an, der es, als es endlich fertig war, "zwar ein bisschen leichter, aber vortrefflich componiert" fand.
Von der Carnegie Hall in New York bis zum Concertgebouw Amsterdam, von der Londoner Wigmore Hall bis zur Berliner Philharmonie, sind die vier Musiker des Kuss Quartetts nicht nur auf den großen Podien zu Gast, sie sind auch bei wichtigen Festivals zu hören, so etwa bei der Schubertiade Schwarzenberg oder den Edinburgh und Salzburger Festspielen.
Experimentierfreude in viele Richtungen könnte man dem Ensemble auf dem Weg zur Weltkarriere ebenfalls attestieren: Die sogenannte "klassische" Streichquartettliteratur musiziert das Kuss Quartett mit dem Bewusstsein dafür, dass ein großer Teil dieser Werke seinerzeit keineswegs als "klassisch" galt, sondern als avantgardistische Musik diskutiert wurde. "Jeder Klang, jede Phrase, jede Neugestaltung einer Wiederholung schien entstaubt, befragt und genussreich aufpoliert..." befand die Frankfurter Allgemeine – Musik der Vergangenheit als unmittelbar ansprechende Gegenwart. Sein Repertoire beginnt in der Renaissance und dem Barock mit Transkriptionen von Vokalsätzen Orlando di Lassos, John Dowlands bzw. Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" und endet in der Gegenwart: Mit György Kurtág und Helmut Lachenmann studierte das Kuss Quartett deren Werke ein, arbeitet mit jungen Komponisten und hält Workshops an der Hamburger Musikhochschule – in der Kompositionsklasse.
Vielfältig wie das Repertoire ist auch die Präsentation der Musik: Das Kuss Quartett verbindet Ton mit Wort, sei es in Form moderierter Konzerte, sei es ausführlicher in Gesprächskonzerten, oder bei ihrer "Explica"-Reihe mit Themenkonzerten in der Hamburger Laeiszhalle.
CDs mit Werken von Schönberg und Adorno, Mozart und Mendelssohn sowie Haydn wurden auch in der Fachpresse mit viel Lob bedacht: …souveräne Technik, formidable Transparenz der Stimmführungen, ein intelligent geschulter, im Kern fülliger, in den Details aber stets brillant präsenter Klang und Tonfall…Klang wird Erlebnis. Exklusiv unter Vertrag bei Sony BMG erschien zuletzt die Aufnahme "Bridges - Renaissance trifft Moderne" und gibt mit Werken von Bennett, Dowland, di Lasso sowie Adés, Kurtág und Strawinsky Einblick in die Programme des Kuss Quartetts.
Das Berliner Kuss Quartett wurde 2002 vom Deutschen Musikrat und beim Borciani-Wettbewerb mit ersten Preisen ausgezeichnet. 2003 wählte die European Concert Hall Organization das Quartett für das Programm "Rising Stars".
Kerstin Unseld
Letzte Änderung am: 22.02.2011, 10.07 Uhr