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Mendelssohns "Italienische Sinfonie" A-Dur op. 90
Dieses „Musikstück der Woche“ reifte unter der brutzelnden Sonne Italiens. In unserer Aufnahme dirigiert die junge estnische Dirigentin Anu Tali das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg – ein Mitschnitt aus dem Konzerthaus Freiburg vom Februar 2008.
Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 Allegro vivace, Andante con moto, Con moto moderato, Saltarello. Presto
Ein Werbespot für Mineralwasser, der vor ein paar Jahren im Fernsehen lief, ist mit den Anfangstakten aus Mendelssohns „Italienischer Sinfonie“ untermalt: Die Musik in ihrer sprudelnden Frische, ihrer Leichtigkeit und ihrem vorwärtsdrängenden Charakter schien dem Werbedesigner offenbar geeignet, dem Publikum einen akustischen Eindruck von seinem ebenso sprudelnden, frischen und leichten Produkt zu vermitteln.
Der Eindruck der Leichtigkeit ist allerdings das Resultat harter Arbeit: Wie üblich war Mendelssohn sehr lange unzufrieden mit seinem Stück und hat Jahre daran gefeilt und verbessert. Die anderen drei Sätze wären für Mineralwasser-Spots ungeeignet. Der langsam-feierliche zweite Satz basiert auf dem Lied „Es war ein König in Thule“. Er ist eine Hommage an Goethe und an Mendelssohns Kompositionslehrer Carl Friedrich Zelter, von denen Text und Musik dieses Liedes stammen. Das Finale der Sinfonie ist zwar rasch und wirbelnd, aber es hält bis zuletzt an seiner dunklen Moll-Grundierung fest. Sorgfältig sind die Formen der vier Sätze austariert, und Mendelssohn hat sie sie mit gemeinsamen Motivbausteinen miteinander verbunden.
Die wesentlichen Ideen der Sinfonie notierte Mendelssohn 1830/31 auf seiner lang ersehnten Italienreise. Es war zuallererst eine Bildungsreise, die ihn mit den Kunstschätzen der italienischen Meister und der Antike vertraut machen sollte: im 18. und 19. Jahrhundert gehörte die „Kavalierstour“ nach Italien zum Pflichtprogramm des Adels und des gehobenen Bürgertums. Der Dom von Florenz, die Kunstschätze der Renaissance in den Uffizien, die antiken Bauwerke und der Petersdom in Rom – all das musste man mit eigenen Augen gesehen haben, wenn man gesellschaftlich etwas gelten wollte.
In zahlreichen charmant formulierten Briefen hat Mendelssohn seine Reiseeindrücke geschildert. Aus Florenz schreibt er am 23. Oktober 1830:
„Der Fuhrmann zeigte auf eine Stelle zwischen den Hügeln, wo blauer Nebel lag u. sagte: Ecco Firenze u. ich kuckte geschwind hin u. sah den runden Dom im Duft vor mir, u. das breite weite Thal in dem die Stadt sich lagert: mir wurde wieder reisemäßig zu Muthe, als nun auch Florenz erschien; ich sah mir ein Paar Weidenbäume am Weg an, u. der Fuhrmann sagte: Buon’ olio, worauf ich freilich bemerken mußte, daß sie voll Oliven hingen; überhaupt ist der Fuhrmann […] ein ausgebälgter Spitzbube, Dieb, Betrüger, hat mich geprellt u. mich verhungern lassen, aber er ist fast liebenswürdig in seiner göttlichen Thierheit; eine Stunde vor Florenz sagte er nun ginge das schöne Land los u. wahr ist es; das schöne Land Italien fängt eigentlich erst da an. Da gibt es Landhäuser auf allen Höhen, verzierte alte Mauern, über den Mauern Rosen und Aloë, über den Blumen Weintrauben, über den Ranken Ölblätter, oder Cypressenspitzen oder die Piniendächer, u. das alles scharf auf dem Himmel abgeschnitten; dazu hübsche, eckige Gesichter, Leben auf den Straßen überall, u. in der Ferne im Thal die blaue Stadt; so fuhr ich denn in meinem offenen Wägelchen getrost hinunter in Florenz hinein, u. obwohl ich schäbig u. bestäubt aussah als käme ich aus den Apenninen (ich kam auch daher), so machte ich mir nichts daraus, [...] u. als es dem Arno entlang zu Schneiders hinging ins berühmte Wirthshaus, da kam mir die Welt wieder ganz prächtig vor.“
Mendelssohns Durst nach Bildung und seine Besichtigungswut waren enorm. Erstaunlich, dass er neben dem ausgiebigen Sightseeing noch Zeit fand, sich intensiv dem Komponieren zu widmen! Die Liste der Werke, die Mendelssohn in Italien komponierte, ist beachtlich: Neben etlichen Klavierstücken und Liedern zahlreiche geistliche Chorwerke, außerdem die Kantate „Die erste Walpurgisnacht“ nach der Ballade von Goethe. In Rom hat er seine Konzertouvertüre „Die Hebriden“ fertig komponiert, an der „Schottischen Sinfonie“ und am Klavierkonzert g-Moll gearbeitet. Und natürlich an der „Italienischen Sinfonie“!
Vom reichen musikalischen Erbe Italiens war Mendelssohn naturgemäß begeistert: In Rom etwa hat er Berge von alten Notenhandschriften studiert und sich handschriftliche Kopien der alten Meister angefertigt. Vom gegenwärtigen Stand der Musik war er hingegen enttäuscht. Er beschrieb sie als „wahre Katzenmusik“: „Was das Volk hier singt, ist so entsetzlich barbarisch, die Stimmen so unrein und roh, dass man gewiss denkt, hier kommt ein Betrunkener, der taumelt, bis man merkt, der Mann sei ganz nüchtern und singe eine der berühmten Barcarolen.“
wurde 1972 in Talinn (Estland) geboren. Dort erhielt sie eine pianistische Ausbildung, später studierte sie an der Estnischen Musikakademie und in Sankt Petersburg Dirigieren. Mit ihrer Zwillingsschwester Kadri gründete sie 1997 das Nordic Symphony Orchestra, ein ausschließlich privat finanziertes Orchester, in dem Musiker aus 15 Nationen spielen.
Gefragt, wie es ihr als junge Frau gelingt, von Orchestermusikern akzeptiert zu werden, die es gewohnt sind, unter der Leitung von (meist älteren und nicht selten recht autoritären) Männern zu spielen, antwortet sie selbstbewusst: „Ich halte mich einfach an das, worin ich gut bin: Ich mache meine Musik. Meine Aufgabe ist es, den Musikern entgegenzugehen und zu sehen, wie weit der einzelne gefordert werden kann und wie ich den Leuten dabei helfen kann, über sich selbst hinauszuwachsen. Es ist viel schwieriger, ein Solo aus einer großen Gruppe heraus zu spielen, als es zum Beispiel das Dirigieren für mich ist, weil ich ohnehin an einer exponierten Stelle stehe. Man muss die Musiker einfach lieben, um ihnen bei ihrer schwierigen Arbeit helfen zu können. Ich denke in erster Linie daran, was ich geben kann und nicht an das, was ich selbst dafür zurückbekomme.“
Die Geschichte des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg reicht in das Jahr 1946 zurück. Sie ist geprägt von unroutiniertem Umgang mit der Tradition, Aufgeschlossenheit für das Neue und Ungewöhnliche: Tugenden, über die auch Chefdirigent Sylvain Cambreling in ungewöhnlichem Maße verfügt, der seit 1999 mit dem Orchester arbeitet. Er bildet, zusammen mit seinem Vorgänger Michael Gielen und Hans Zender als ständigen Gastdirigenten, ein Triumvirat, wie es in der internationalen Orchesterlandschaft beispiellos ist.
Dass man mit hohen Ansprüchen Erfolg haben kann, beweist das Orchester bis heute. Mehr als 300 von ihm eingespielte Kompositionen sind auf CD erschienen, und es reist seit 1949 als musikalischer Botschafter durch die Welt. Zahlreiche Gastspiele verzeichnet die Orchesterchronik, darunter regelmäßig zum Festival d’Automne Paris, den Salzburger Festspielen, nach Wien, Berlin und Edinburgh, Brüssel, Luzern, Strasbourg, Frankfurt...
1999 spielte das Orchester in der New Yorker Carnegie Hall u.a. die amerikanische Erstaufführung von Bernd Alois Zimmermanns "Requiem für einen jungen Dichter". Vielbeachtete Großprojekte fanden in den letzten Jahren unter anderem bei den Salzburger Festspielen, bei der 1. RUHRtriennale und in der Kulturhauptstadt Europas Graz statt. 2005/06 wurden - neben dem orchestereigenen 60. Geburtstag - sowohl Mozarts 250. als auch Helmut Lachenmanns 70. Geburtstag in etwa einem Dutzend Konzerten zwischen Wien und Paris, Brüssel und Berlin gefeiert.
Ungewöhnliche Konzert-Konzepte unterstreichen das besondere Profil des Orchesters: So etwa die Verschränkung von Haydns "Sieben letzten Worten" in einer den Raum einbeziehenden Bearbeitung von Sylvain Cambreling mit Messiaens "Et exspecto resurrectionem mortuorum" und literarisch-theologischen Betrachtungen von Martin Mosebach, oder eine "Hommage à Mozart" gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester.
Doris Blaich
Letzte Änderung am: 15.09.2010, 12.06 Uhr