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Franz Liszt: Vallée D‘Obermann
Gegen Schwermut hilft Lesen – und Musik. Zumindest war das bei Franz Liszt so. Seine hoch virtuose Klavierkomposition "Vallée D’Obermann" ist unser Musikstück der Woche. Michael Korstick spielte es bei der Konzertreihe "Internationalen Pianisten in Mainz" – ein Mitschnitt vom Dezember 2007.
Franz Liszt Vallée d'Obermann aus den Années de Pèlerinage. Première année: Suisse
"Das Buch, das stets mein Leid betäubt" – das möchte man natürlich besitzen und lesen! Für Franz Liszt war dieses literarische Arzneimittel der Briefroman "Oberman" des französischen Schriftstellers Etienne-Pivert de Senancourt (1804 gedruckt). In 91 Briefen berichtet der junge Oberman einem Freund über alles, was ihn beeindruckt und innerlich beschäftigt. Verzweiflung, Liebesleid, Lebenslangeweile, ungestillte Sehnsucht, Pessimismus und Resignation grundieren den Roman dunkelgrau. Auf die große, drängende Frage nach dem Sinn des Daseins sucht Oberman vergeblich eine Antwort.
Senancourts Roman inspirierte Liszt zu seiner Klavierkomposition "Vallée d’Obermann". 1855 veröffentlichte Liszt das Stück in seiner Sammlung "Années de pélerinage" (Pilgerjahre). Dabei druckte er zur Erläuterung umfangreiche Passagen aus dem Roman ab. "O unsägliche Empfindsamkeit", so lässt Senancourt seinen aufgewühlten Romanhelden im Strudel der Gefühle aufschreien. Liszt spiegelt diese Stimmungen mit empfindsamen espressivo- und dolcissimo-Passagen und heftigen musikalischen Gefühlsausbrüchen (die er nicht nur aus dem Roman, sondern vor allem auch aus seinem eigenen turbulenten Leben kannte).
Wer "Vallée d’Obermann" auf sein Konzertprogramm setzt, geht ein Wagnis ein. Denn Liszt verlangt vom Interpreten schier unglaubliche pianistische Fähigkeiten – und jede Menge Kraft, um die mächtigen Klangkaskaden zu bewältigen. Es ist nützlich, dies beim Hören unseres "Musikstücks der Woche" im Hinterkopf zu behalten. Man mag dann nämlich dem Pianisten Michael Korstick verzeihen, dass er hin und wieder daneben greift – schließlich ist es ein Live-Mitschnitt und keine geschönte Studio-Aufnahme.
Nach nur zwei Jahren Klavierunterricht erspielte sich der Kölner Michael Korstick den ersten Preis beim Wettbewerb "Jugend musiziert". Damals war er elf. Das Klavierstudium führte ihn unter anderem an die New Yorker Juilliard School, wo ihn seine Mitstudenten mit dem Kosenamen "Dr. Beethoven" versahen. Beethoven ist und bleibt einer seiner Favouriten, aber Michael Korstick geht auch immer wieder auf die Seitenpfade des Klavierrepertoires und kombiniert Wohlbekanntes mit Raritäten.
Erst im Alter von 43 Jahren, nach 20 erfolgreichen Konzert-Spielzeiten, erschienen seine ersten CDs – und machten prompt Furore. Der frisch gekürte "Nachwuchskünstler des Jahres" (!) avancierte 2004, nach seinen mehrfach ausgezeichneten Beethoven- und Schubert-Einspielungen, denn auch rasch für die Jury der Fachzeitschrift "Fono Forum" zum "Künstler des Jahres". Korsticks Gesamteinspielung der Musik für Klavier und Orchester von Darius Milhaud (gemeinsam mit dem SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern) aus dem Jahr 2006 erhielt den "Preis der deutschen Schallplattenkritik“ – eine Auszeichnung, mit der er 2008 für seine Aufnahme mit Klavierwerken des französischen Komponisten Charles Koechlin erneut belohnt wurde. Sie entstand übrigens im Kammermusikstudio des SWR. Dort hat Michael Korstick vor kurzem auch Mendelssohns "Lieder ohne Worte" aufgenommen. CD-Veröffentlichung demnächst.
Doris Blaich
Letzte Änderung am: 10.09.2010, 13.45 Uhr