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Musikstück der Woche 21.-27. Februar 2011 Wildente, Täubchen und Narr

Leos Janáček: 3 Lieder für Chor a cappella

Geldgier macht blind. Den musikalischen Beweis dafür hat Leos Janáček in seinem Chorstück „Des Narren Irrfahrt“ geliefert. Gemeinsam mit zwei weiteren Chorsätzen ist es unser Musikstück der Woche. Die Live-Aufnahme stammt vom März 2009 aus der Gaisburger Kirche in Stuttgart. Marcus Creed dirigiert das SWR Vokalensemble Stuttgart. Auch die beiden Solisten stammen aus dem Chor: Kirsten Drope (Sopran) und Philip Niederberger (Bariton).

Mitglieder des SWR Vokalensembles Stuttgart  beim Konzert auf der Empore

Mitglieder des SWR Vokalensembles Stuttgart beim Konzert auf der Empore im Beethovensaal der Liederhalle

Leos Janáček: 3 Lieder für Chor a cappella
Kačena Divoká (Die Wildente)
Holubička (Das Täubchen)
Potulný šílenec (Des Narren Irrfahrt)
SWR Vokalensemble Stuttgart
Leitung: Marcus Creed
Live-Mitschnitt vom März 2009 in der Evangelischen Kirche Stuttgart-Gaisburg

"Im Volkslied", hat Leos Janáček einmal gesagt, "ist der ganze Mensch enthalten, der Leib, die Seele, die Umgebung, alles, alles. Wer aus dem Volkslied herauswächst, wird ein ganzer Mensch. Das Volkslied besitzt den Geist eines reinen Menschen mit seiner gottnahen Kultur, aber nichts Sekundäres, Angeflogenes. Deshalb glaube ich, dass wir, sobald sich unsere Kunstmusik aus dieser volkshaften Quelle herleitet, uns dann all in den Schöpfungen jener Musik verbrüdern werden; sie wird eine Gemeinschaft erzeugen und alle Menschen vereinen. Das Volkslied verbindet die Nation, die Völker, die Menschheit in einem Geiste, in einer Beglückung, in einem Wohlergehen."

Janáček untersuchte schon früh die Volksmusik seiner Heimat: deren rhythmische Eigenheiten, modale, altertümliche oder sonstige exotische Tonalitäten, unorthodoxe Harmonien und Modulationen. All das ließ er in seine eigene Klangsprache einfließen: ihre Eigenart erklärt sich aus seiner Affinität zur Volksmusik der östlichen Provinzen Mährens und Schlesiens. Sein melodisches Idiom ist stark von der Sprache geprägt; lyrische Bögen sind dabei ebenso zu finden wie dramatische Passagen aus abgerissenen melodischen Fragmenten.

Wildente

Das volksliedhaft gesetzte "Kačena Divoká" (Die Wildente) aus dem Jahr 1885, nach einer mährischen Volksdichtung (Sammlung František Sušil) schrieb Janáček für ein Schulgesangbuch. Die Vertonung der Klage der hilflosen Entenmutter weist stilistisch in vielem auf spätere Kompositionen hin, die sich mit dem Thema des Mitgefühls mit Leidenden und Unterdrückten beschäftigen. Von der tradierten Melodie übernahm Janáček nur den Rhythmus aus zwei Vierteln und vier Achteln, arbeitet aber nach dem Prinzip des strophischen Durchkomponierens. Die harmonische Anlage ist in ihrem dauernden Wechsel von Molltonleitern und Durparallelen an die mährische Folklore angelehnt, ebenso die rhythmische Struktur.

Täubchen

"Holubička" (Das Täubchen) für Männerchor ist vermutlich 1888 entstanden. Der Text von Eliška Krásnohorská erzählt eine Geschichte von Tod und Verlust. Janáčeks Vertonung folgt in weiten Teilen dem strophisch gebauten Text. In der zweiten und vierten Strophe allerdings steigert er den Gestus der Musik ins Hochexpressive hinein.

Irrfahrt des Narren

Ein Chorwerk größerer Dimension und auf höherem künstlerischen Niveau ist „Potulný šílenec“ (Des Narren Irrfahrt) für Männerstimmen und Solo-Sopran auf einen Text von Rabindranath Tagore. Erzählt wird die Geschichte eines Menschen, der dem Gold so blind nachjagt, dass er es nicht merkt, als er es gefunden hat. Janáček beendete die Komposition am 1. November 1922. Mit einem Ambitus von drei Oktaven und kühnen Modulationen in fremde Tonarten-Bereiche stellt das Werk an die Ausführenden außerordentliche technische Ansprüche. Der Narr wird mit absichtsvoll holprigen Triolen und rhythmischen Akzentverschiebungen sowie häufigen Taktwechseln charakterisiert. Die Passage, in der der Bauernknabe durch kindliche Fragen den alten Narren auf die Spur seiner Vereitelung bringt, ist als eine Serie von Lachkoloraturen für Solo-Sopran gesetzt. Die klare dreiteilige Form füllt Janáček mit einem äußerst kompliziert geführten Stimmengeflecht und technisch hoch virtuos aus.

SWR Vokalensemble Stuttgart

Das SWR Vokalensemble kurz vor einer Aufnahme

Das SWR Vokalensemble kurz vor einer Aufnahme

Die Geschichte des SWR Vokalensembles Stuttgart spiegelt in einzigartiger Weise die Kompositionsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts wieder. Auf Beschluss der Alliierten und im Zuge von Demokratisierungsmaßnahmen wurden 1946 Rundfunkanstalten und Ensembles gegründet, darunter auch der damalige Südfunkchor. Ihm kam die Aufgabe zu, das Schallarchiv mit Musik aller Arten und für jegliche Anlässe zu versorgen. Mit dem Dirigenten Hermann Joseph Dahmen, der den Chor von 1951 bis 1975 leitete, begann die Zeit der allmählichen Spezialisierung auf Neue Musik. Von 1953 an vergab der Chor regelmäßig Kompositionsaufträge.

Zu internationaler Reputation als Ensemble für Neue Musik gelangte das SWR Vokalensemble mit seinen späteren Chefdirigenten Marinus Voorberg, Klaus-Martin Ziegler und mit Rupert Huber. Schon Voorberg, insbesondere aber Huber formte den typischen Klang des SWR Vokalensembles, geprägt von schlanker, gerader Stimmgebung. Viele der mehr als 200 Uraufführungen, die in der Chronik des SWR Vokalensembles verzeichnet sind, hat er dirigiert. Auf diesem Niveau konnte Marcus Creed aufbauen, als er 2003 die Position des Chefdirigenten übernahm. Dem Ensemble ging zu diesem Zeitpunkt bei Fachpresse und Publikum längst der Ruf voraus, in konstruktiver Offenheit mit den Schwierigkeiten zeitgenössischer Partituren umzugehen.

In seinen ersten Stuttgarter Jahren legte Creed, der als einer der profiliertesten Dirigenten internationaler Profichöre gilt, seine Arbeitsschwerpunkte deshalb auf das Vokalwerk von György Ligeti, Luigi Dallapiccola und Luigi Nono. Darüber hinaus setzte er die Reihe der Uraufführungen fort. Intensiviert wurde vor allem die Zusammenarbeit mit Georges Aperghis, Heinz Holliger und György Kurtág. Die Studioproduktion des SWR Vokalensembles Stuttgart erscheinen zu einem großen Teil auf CD und werden regelmäßig mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter (regelmäßig) der Preis der Deutschen Schallplattenkritik, der Grand Prix du Disque und der Midem Classical Award. 2009 erhielt das SWR Vokalensemble als "Ensemble des Jahres" den Echo-Klassikpreis.

Dorothea Bossert und Doris Blaich

Letzte Änderung am: 16.02.2011, 17.19 Uhr

Musikstück der Woche 21.-27. Februar 2011

Sendezeit Montags ab 13.05 Uhr

Musikstück der Woche im SWR2 Mittagskonzert

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