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Während ihn sein Tagwerk als Chorleiter in Kassel beschäftigte, schrieb Gustav Mahler - 25-jährig und schwerverliebt - seinen ersten Liederzyklus
Clytus Gottwald hat diese solistischen "Lieder eines fahrenden Gesellen" in Chorversionen gesetzt, die eine ganz besondere Klangwelt schaffen und dem jungen Chorleiter Mahler posthum ein großartiges 'neues' Chorwerk bescheren.
Gustav Mahler: "Die zwei blauen Augen" Lied für Singstimme und Orchester, von Clytus Gottwald bearbeitet für 4-stimmige Chöre a cappella, aus: Gustav Mahlers Zyklus "Lieder eines fahrenden Gesellen"
Eigentlich ist es ganz folgerichtig, dass sich der schlesische Chorspezialist und Musikwissenschaftler Clytus Gottwald die "Lieder eines fahrenden Gesellen" von Gustav Mahler vornahm, um sie für Chor a cappella zu setzen. Die Lieder - komponiert für Singstimme mit Orchester - entstanden in einer Zeit, als Mahler selbst Chorleiter in Kassel war und damit dem Chorgesang täglich verbunden war. Wäre da nicht auch die Sopranistin Johanna Richter gewesen - wer weiß - hätte Mahler seinen ersten Liederzyklus vielleicht selbst in der Chorversion vorgelegt... Dieses Gedankenspiel aber bleibt eine nette Verdrehung jener Tatsachen, die da lauten: Mahler verliebte sich Hals über Kopf und sehr unglücklich in Johanna Richter, was sich künstlerisch in den 4 Gesellenliedern niederschlug, die er in der Zeit von 1884 bis 1885 für seine Solo singende Angebetete schrieb.

Auf welche Texte komponierte Mahler? Wahrscheinlich auf selbstverfasste, die angelehnt an Gedichte aus "Des Knaben Wunderhorn" oder an eine seinerzeit populäre Gedichtsammlung des Schriftstellers Rudolf Baumbach entstanden. Jedenfalls schildern sie Gedanken und Gefühle eines Gesellen, der wandernd versucht, eine unglückliche Liebe zu verarbeiten. Parallelen zu Franz Schuberts "Winterreise" und "Schöner Müllerin" sind nicht nur offensichtlich sondern sicher von Mahler auch erwünscht. Der Lindenbaum 'rauscht' allzu vernehmbar in der 3. Strophe des letzten Liedes durch, ein Rauschen, das bis in die 1. Sinfonie hörbar ist, die wenig später entstehen sollte.
Dieses letzte Lied "Die zwei blauen Augen" chanchiert typisch mahlerisch und ganz und gar bittersüß zwischen den Tonarten: Zunächst in e-moll stehend wendet es sich im zweiten Teil nach F-Dur, endet aber in f-Moll -musikalisch passgenau auf die romantischen Brechungen zwischen leiderfüllte Realität und Traumwelt komponiert.
Liedtext: Die zwei blauen Augen von meinem Schatz,/ Die haben mich in die weite Welt geschickt./ Da mußt ich Abschied nehmen vom allerliebsten Platz!/ O Augen blau, warum habt ihr mich angeblickt?/ Nun hab' ich ewig Leid und Grämen./ Ich bin ausgegangen in stiller NachtWohl über die dunkle Heide./ Hat mir niemand Ade gesagt./ Ade! Mein Gesell' war Lieb' und Leide!/ Auf der Straße steht ein Lindenbaum,/ Da hab' ich zum ersten Mal im Schlaf geruht!/ Unter dem Lindenbaum, Der hat seine Blüten über mich geschneit,/ Da wußt' ich nicht, wie das Leben tut,/ War alles, alles wieder gut!/ Alles! Alles, Lieb und Leid/ Und Welt und Traum!
Die Geschichte des SWR Vokalensembles Stuttgart spiegelt in einzigartiger Weise die Kompositionsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts wieder. Auf Beschluss der Alliierten und im Zuge von Demokratisierungsmaßnahmen wurden 1946 Rundfunkanstalten und Ensembles gegründet, darunter auch der damalige Südfunkchor. Ihm kam die Aufgabe zu, das Schallarchiv mit Musik aller Arten und für jegliche Anlässe zu versorgen. Mit dem Dirigenten Hermann Joseph Dahmen, der den Chor von 1951 bis 1975 leitete, begann die Zeit der allmählichen Spezialisierung auf Neue Musik. Von 1953 an vergab der Chor regelmäßig Kompositionsaufträge.
Zu internationaler Reputation als Ensemble für Neue Musik gelangte das SWR Vokalensemble mit seinen späteren Chefdirigenten Marinus Voorberg, Klaus-Martin Ziegler und mit Rupert Huber. Schon Voorberg, insbesondere aber Huber formte den typischen Klang des SWR Vokalensembles, geprägt von schlanker, gerader Stimmgebung. Viele der mehr als 200 Uraufführungen, die in der Chronik des SWR Vokalensembles verzeichnet sind, hat er dirigiert. Auf diesem Niveau konnte Marcus Creed aufbauen, als er 2003 die Position des Chefdirigenten übernahm. Dem Ensemble ging zu diesem Zeitpunkt bei Fachpresse und Publikum längst der Ruf voraus, in konstruktiver Offenheit mit den Schwierigkeiten zeitgenössischer Partituren umzugehen.
In seinen ersten Stuttgarter Jahren legte Marcus Creed, der als einer der profiliertesten Dirigenten internationaler Profichöre gilt, seine Arbeitsschwerpunkte deshalb auf das Vokalwerk von György Ligeti, Luigi Dallapiccola und Luigi Nono. Darüber hinaus setzte er die Reihe der Uraufführungen fort. Intensiviert wurde vor allem die Zusammenarbeit mit Georges Aperghis, Heinz Holliger und György Kurtág. Die Studioproduktion des SWR Vokalensembles Stuttgart erscheinen zu einem großen Teil auf CD und werden regelmäßig mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Preis der Deutschen Schallplattenkritik, der Grand Prix du Disque und der Midem Classical Award.
Kerstin Unseld
Letzte Änderung am: 31.08.2010, 10.52 Uhr