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Musikstück der Woche 10.-16. Oktober 2011 Ein musikalischer Gesprächsknigge

Louis-Gabriel Guillemain: Sonate en Quatuor G-Dur op. 12 Nr. 1

Alle Welt zerbricht sich den Kopf über Wertschätzende Kommunikation, Smalltalk-Techniken und die richtige Dialogführung. Der Barock-Komponist Louis-Gabriel Guillemain zeigt, wie ein Gespräch gelingen und dabei auch noch gut klingen kann: mit Eleganz, Witz und ein paar simplen Anstandsregeln unterhalten sich hier Flöte, Geige und Gambe im schönsten Sonnenschein. Das Ensemble "The Age of Passions" spielt auf historischen Instrumenten; der Live-Mitschnitt stammt vom Juni 2007 aus der Wallfahrtskirche Mariae Krönung, Oberried.

Besucher laufen durch die Gärten der Schlossanlage von Versailles

Versailles

Louis-Gabriel Guillemain: Sonate en Quatuor G-Dur op. 12 Nr. 1
Allegro moderato, Aria - Altro, Allegro ma non presto, Ensemble "The Age of Passions"
Konzertmitschnitt vom Juni 2007 aus der Wallfahrtskirche Mariae Krönung, Oberried

Talent, eine gute Ausbildung, Ideenreichtum, die Gunst des Publikums und sogar des Königs - eigentlich stimmte alles bei Louis-Gabriel Guillemain, und er hätte sich glücklich im Glanz von Versailles sonnen können. Er war einer der populärsten und bestbezahlten Hofmusiker des Sonnenkönig-Erbens Ludwig XV., in Paris und ganz Frankreich liebte man seine Musik und staunte über sein atemberaubendes Geigenspiel. Seine Violinrivalen sollen beschämt die Instrumente weggepackt haben, wenn er auspackte. Ein Zeitgenosse schreibt: "ein Mann, für den keine Schwürigkeit zu groß ist, die er nicht beym ersten Anblick vom Blatte weg, in der möglichsten Vollkommenheit treffen sollte".

Aber es gab da auch Schattenseiten - und nicht zu wenige. Zuallererst das Selbstvertrauen: Schüchternheit und Lampenfieber haben Guillemain so blockiert, dass er sich fast nur im Orchester-Versteck mit der Geige an die Öffentlichkeit wagte. Und offensichtlich konnte er überhaupt nicht mit Geld umgehen: Trotz seiner üppigen Einkünfte schob er einen ständig wachsenden Schuldenberg vor sich her. In den letzten Jahren seines Lebens versuchte er, seine Sorgen im Alkohol zu ertränken. Im Oktober 1770, auf einer Fahrt von Paris nach Versailles, verübte er Selbstmord - eine Quelle berichtet von 14 Messerstichen (man fragt sich, wie das rein technisch möglich war). Die Leiche wurde noch am selben Tag begraben.

Galante Gespräche

18 Sammlungen mit Instrumentalmusik hat Guillemain drucken lassen: vor allem Kammermusik, aber auch größere Sinfonien. An seinen Capricen für Geige solo - tiefstaplerisch "Amusements" (Vergnügungen) genannt - hätte sich auch ein Paganini die Zähne ausgebissen. Guillemains Opus 12 (gedruckt im Jahr 1743) trägt den blumigen Titel "Six Sonates en quatuors ou Conversations galantes et amusantes". Die Konversation im Titel ist eine Mode der Zeit: Seit den 1730er Jahren erscheinen etliche Werke, die im Titel die Gesprächskultur der Pariser Salons beschwören. Guillemain aber ist der einzige, der die "conversation" nicht nur als verkaufsförderndes Reizwort benutzt. Bei ihm prägt die Idee der Konversation die musikalische Struktur: auffallend kleingliedrige und oft witzige kurze Wendungen, mit denen die drei Melodie-Instrumente fast gleichberechtigt miteinander 'reden'.

Konversation im Sonnenschein

In der Sonate G-Dur, die die Sammlung eröffnet, stellen sich alle erst einmal formvollendet vor. Die Flöte beginnt das Gespräch, man begrüßt sich, lächelt charmant, tauscht Höflichkeiten aus, erzählt kleine Anekdoten. Die Instrumente verhalten sich so, wie es bei Hofe und in den Salons üblich ist: Niemals wird man grob oder laut, Ins-Wort-Fallen ist tabu, man hört einander zu und hält sich nonchalant zurück. Im zweiten Satz (Aria) wird dann ein Thema ausführlich erörtert. Mit Eleganz und Gewandtheit werden Argumente vorgebracht, man beherrscht die Stilmittel der Rhetorik, ziert seinen Vortrag reichlich aus, unterstreicht die Worte mit feinen Gesten. In den Moll-Zwischenteilen tauchen auch nachdenkliche, schmerzliche Gedanken auf, die jedoch sogleich wieder mit charmanten Floskeln zurück ins Sonnenlicht geholt werden: schließlich strahlt in der Tonart G-Dur - französisch sol majeur - die Sonne (sol) von ganz alleine; man muss ihr Licht nur zu nutzen wissen. Im Finale gewinnt das Gespräch an Tempo: Mit Verve werden da die Ideen formuliert, schlagfertig und überraschend sind die Reaktionen darauf. Das Tempo ist schnell, aber nicht zu schnell: Allegro man non presto - auch dies ein Hinweis auf die Etikette und die absolute Selbstkontrolle, ohne die das Leben im engen (und intrigenanfälligen!) Versailles undenkbar gewesen wäre.

Ensemble "The Age of Passions"

Das Zeitalter der Leidenschaften - "Wann war das denn?", möchte man fragen. Die Antwort ergibt sich beim Hören: Es ist noch. Und zwar genau dann, wenn dieses Ensemble spielt! Mit Hingabe, Lebendigkeit und viel Gefühl für die musikalischen Extreme und alles, was dazwischen liegt. Vier Musiker haben sich zu diesem passionierten Ensemble zusammengetan: Karl Kaiser (Flöte), Petra Müllejans (Violine), Hille Perl (Gambe) und Lee Santana (Laute). Alle vier gehören zur Stammbesetzung des Freiburger Barockorchesters und sind darüber hinaus in verschiedenen Kammermusikformationen und als engagierte Instrumentallehrer musikalisch aktiv.

Doris Blaich

Letzte Änderung am: 27.09.2011, 17.00 Uhr

Sendezeit Montags ab 13.05 Uhr

Musikstück der Woche im SWR2 Mittagskonzert

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