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Frédéric Chopin: Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 35

Evgenia Rubinova
Dieser Text müsste eigentlich schwarz unterlegt sein. Denn Chopins "Trauermarsch-Sonate" ist die wohl düsterste Klaviersonate der Romantik. Die russische Pianistin Evgenia Rubinova spielt sie mit jener fieberhaften Vehemenz, die echtem Schmerz innewohnt. Unser Live-Mitschnitt stammt aus der SWR-Reihe "Internationale Pianisten im Mainz" vom Januar 2008.
Frédéric Chopin: Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 35 "Trauermarsch-Sonate"
1. Grave - Doppio movimento
2. Scherzo - Più lento
3. Marche funèbre. Lento
4. Finale. Presto
Evgenia Rubinova (Klavier)
Live-Mitschnitt aus der Reihe "Internationale Pianisten im Mainz", Januar 2008
"Vier seiner tollsten Kinder" habe Chopin in dieser Sonate zusammengekoppelt, urteilte Robert Schumann – wobei hier "toll" nicht "gut" meint, sondern eher "am Rande des Wahnsinns" oder sogar "völlig übergeschnappt". Tatsächlich bewegt sich die Musik auf dem schmalen Pfad, der zwischen poetischer Wehmut und den zerstörerischen Abgründen des Schmerzes verläuft. Zentrum der Sonate ist der dritte Satz, der berühmte Trauermarsch.

Chopin komponierte ihn 1837, zwei Jahre früher als die drei übrigen Sätze. Das triste Grau von Klängen ohne Terz, die seltsam leer wirken, weil sie sich weder nach Dur noch nach Moll orten lassen, prägt die Harmonik dieses Marsches. Dumpfe Trommelwirbel assoziieren einen Leichenzug. Neben Händels "Largo" wurde Chopins Marsch eines der meistgespielten Beerdigungsstücke der Musikgeschichte – es gibt unzählige Bearbeitungen für Blaskapellen jeglicher Besetzung.
Alle vier Sätze der Sonate stehen in Moll – eine Besonderheit! –, und sie alle sind von ebenso glühender wie schwermütiger Ausdruckskraft. Der Pianist Alfred Cortot sprach dabei von "Fieberträumen". Und Gottfried Benn hat ihre Stimmung – und das Misstrauen gegenüber der Popularität dieser Sonate – in seinem Gedicht "Nachtcafé" in Worten eingefangen: "B-moll: die 35. Sonate. / Zwei Augen brüllen auf: / Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal, / damit das Publikum drauf rumlatscht".
Evgenia Rubinova

Evgenia Rubinova
Dieses Silber ist eigentlich Gold wert: Die russische Pianistin Evgenia Rubinova erhielt beim renommierten Klavierwettbewerb in Leeds 2003 eine Silbermedaille – wie zuvor beispielsweise Mitsuko Uchida und Lars Vogt. Sie studierte in der Meisterklasse von Professor Lev Natochenny in Frankfurt am Main. Ihre Debüt-CD, die bei EMI erschien, erhielt international beste Kritiken.
Wie bei vielen jungen Künstlern, bewirkten auch bei Evgenia Rubinova ein paar Einspringer entscheidende Karriereschübe: so bot sie für Yundi Li und Gabriela Montero einen würdigen Ersatz. Mittlerweile hat ihr Name aber genug Magnetkraft, um volle Konzertsäle zu garantieren. Sie konzertiert mit den großen Orchestern Europas (das London Philharmonic ist dabei, das Kölner Gürzenich-Orchester, das Wiener Kammerorchester und das RSO Stuttgart des SWR); und die musikalische Landkarte ihrer Soloabende ist ein weitläufiges Netz mit prominenten Punkten: die Wigmore Hall in London, die Tonhalle Zürich und bedeutende Veranstaltungen in New York, Washington, Chicago und Paris.
Doris Blaich
Letzte Änderung am: 08.06.2011, 19.22 Uhr