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Benjamin Britten: Hymn to St. Caecilia op. 27
"Erscheine allen Musikern in Visionen und inspiriere sie", so heißt die Kreativitätsformel in Benjamin Brittens Hymne an die Heilige Caecilie. Das SWR Vokalensemble singt sie in unserem Musikstück der Woche. Ein Live-Mitschnitt vom Juli 2008 in der Gaisburger Kirche Stuttgart. Marcus Creed dirigiert.
Benjamin Britten (1913-1976): Hymn to St. Cecilia op.27
Wakako Nakaso und Kerstin Steube (Sopran)
Sabine Czinczel (Alt)
Rüdiger Linn (Tenor)
Mihail Nikiforov (Bass)
SWR Vokalensemble Stuttgart
Leitung: Marcus Creed
Benjamin Britten wurde am Festtag der heiligen Caecilie geboren: am 22. November. Deshalb fühlte er sich der Schutzheiligen der Musik besonders eng verbunden. Schon der angehende Komponist, - gleichsam der junge Star unter den Absolventen des Royal College of Music in London - trug sich mit dem Gedanken, ein größeres Werk "for S. Cecilia’s Day" zu schreiben, und zwar ganz bewusst in der Tradition des Barock-Komponisten Henry Purcell, dessen Musik er über alles bewunderte und für deren Wiederbelebung er später wesentliche Anstöße geben sollte. Den geeigneten Text dafür zu finden, war freilich schwieriger, als er gedacht hatte. "Ich habe große Schwierigkeiten, lateinische Worte für eine Hymne an die Hl. Caecilie zu finden", vertraute Britten 1935 seinem Tagebuch an.
1940 schließlich beauftragte er seinen Dichterfreund W. H. Auden mit englischen Versen für die geplante Hymne. Auden lieferte den dreiteiligen Text im Laufe des Jahres 1940, nicht ohne Britten seine Vorstellungen von der Vertonung aufzwingen zu wollen. Der Tenor Peter Pears, Brittens Lebensgefährte, erinnerte sich später: "Ben ging nun seiner Wege und hatte keine Lust mehr, sich von Wystan (Auden) dominieren bzw. an der Nase herumführen zu lassen. Vielleicht könnte man sagen, dass er in seiner großartigen Hymne an die Hl. Caecilie der Zusammenarbeit mit Wystan Adieu sagte." Tatsächlich wurde es das letzte gemeinsame Werk der beiden jungen Künstler und zugleich ein schrankenloses Bekenntnis Brittens zu seiner vom Krieg heimgesuchten Heimat.
Auden, Britten und Pears hatten zu Beginn des Krieges als Kriegsdienstverweigerer das Weite gesucht und sich in den USA niedergelassen. Dieser Schritt, in der Heimat als Loyalitätsbruch gebrandmarkt, lastete auf Brittens Gewissen mehr denn auf dem seines Dichterfreundes. Tatsächlich kehrte der Komponist zusammen mit Pears 1942 reumütig in die Heimat zurück. Die in Amerika begonnene Hymne an die Hl. Caecilie wurde das Symbol dieser Rückkehr in den Schoß des englischen Volkes. Die Vollendung des Werkes wurde unmittelbar vom Kriegsgeschehen beeinträchtigt: Als Britten das halbfertige Manuskript in den USA mit aufs Schiff nehmen wollte, wurde es vom Zoll konfisziert, da man befürchtete, bei den Noten könne es sich um kodierte Texte handeln! (Dieses Schicksal traf alle Notenmanuskripte, die er mit sich führte.) Dem Komponisten fiel es aber nicht schwer, schon auf dem Schiff die Noten des bisher Geschriebenen zu rekonstruieren und weiter an der Hymne zu arbeiten. Am 2. April 1942 vollendet, fand das Stück rasch Eingang ins Repertoire der englischen Chöre – trotz oder gerade wegen des Krieges. Zusammen mit der zur gleichen Zeit komponierten "Ceremony of Carols" wurde es Brittens populärstes Chorwerk.
Ganz nach der Tradition der barocken Caecilienoden hebt die Hymne mit einer feierlichen Anrufung der Heiligen an, die hier freilich nur als "blessed", also als Selige bezeichnet wird: "Selige Caecilia, erscheine allen Musikern in Visionen, erscheine und inspiriere sie!" Refrainartig gliedern diese Verse die ganze Hymne. Nach jedem der drei Abschnitte kehren sie – musikalisch leicht variiert - wieder. Der erste Abschnitt ist aus dem Refrain abgeleitet, der Mittelteil verbindet den Charakter eines Scherzos mit einer freien Fugenform. Der Schlussteil wird zum Höhepunkt, indem aus jeder Stimmlage Solisten heraustreten, um den Klang einzelner Instrumente zu beschreiben.
Die Geschichte des SWR Vokalensembles Stuttgart spiegelt in einzigartiger Weise die Kompositionsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts wieder. Auf Beschluss der Alliierten und im Zuge von Demokratisierungsmaßnahmen wurden 1946 Rundfunkanstalten und Ensembles gegründet, darunter auch der damalige Südfunkchor. Ihm kam die Aufgabe zu, das Schallarchiv mit Musik aller Arten und für jegliche Anlässe zu versorgen. Mit dem Dirigenten Hermann Joseph Dahmen, der den Chor von 1951 bis 1975 leitete, begann die Zeit der allmählichen Spezialisierung auf Neue Musik. Von 1953 an vergab der Chor regelmäßig Kompositionsaufträge.
Zu internationaler Reputation als Ensemble für Neue Musik gelangte das SWR Vokalensemble mit seinen späteren Chefdirigenten Marinus Voorberg, Klaus-Martin Ziegler und mit Rupert Huber. Schon Voorberg, insbesondere aber Huber formte den typischen Klang des SWR Vokalensembles, geprägt von schlanker, gerader Stimmgebung. Viele der mehr als 200 Uraufführungen, die in der Chronik des SWR Vokalensembles verzeichnet sind, hat er dirigiert. Auf diesem Niveau konnte Marcus Creed aufbauen, als er 2003 die Position des Chefdirigenten übernahm. Dem Ensemble ging zu diesem Zeitpunkt bei Fachpresse und Publikum längst der Ruf voraus, in konstruktiver Offenheit mit den Schwierigkeiten zeitgenössischer Partituren umzugehen.
In seinen ersten Stuttgarter Jahren legte Creed, der als einer der profiliertesten Dirigenten internationaler Profichöre gilt, seine Arbeitsschwerpunkte deshalb auf das Vokalwerk von György Ligeti, Luigi Dallapiccola und Luigi Nono. Darüber hinaus setzte er die Reihe der Uraufführungen fort. Intensiviert wurde vor allem die Zusammenarbeit mit Georges Aperghis, Heinz Holliger und György Kurtág. Die Studioproduktion des SWR Vokalensembles Stuttgart erscheinen zu einem großen Teil auf CD und werden regelmäßig mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Preis der Deutschen Schallplattenkritik, der Grand Prix du Disque und der Midem Classical Award.
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I
In a garden shady this holy lady
With reverent cadence and subtle psalm,
Like a black swan as death came on
Poured forth her song in perfect calm:
And by ocean’s margin this innocent virgin
Constructed an organ to enlarge her prayer,
And notes tremendous from her great engine
Thundered out on the Roman air.
Blonde Aphrodite rose up excited,
Moved to delight by the melody,
White as an orchid she rode quite naked
In an oyster shell on top of the sea;
At sounds so entrancing the angels dancing
Came out of their trance into time again,
And around the wicked in Hell’s abysses
The huge flame flickered and eased their pain.
Blessed Cecilia, appear in visions
To all musicians, appear and inspire:
Translated Daughter, come down and startle
Composing mortals with immoral fire.
II
I cannot grow;
I have no shadow
To run away from,
I only play.
I cannot err;
There is no creature
Whom I belong to,
Whom I could wrong.
I am defeat
When it knows it
Can now do nothing
By suffering.
All you lived through
Dancing because you
No longer need it
For any deed.
I shall never be
Different. Love me.
Blessed Cecilia, appear in visions
To all musicians, appear and inspire:
Translated Daughter, come down and startle
Composing mortals with immortal fire.
III
O ear whose creatures cannot wish to fall,
O calm of spaces unafraid of weight,
Where Sorrow is herself, forgetting all
The gaucheness of her adolescent state,
Where Hope within the altogether strange
From every outworn image is released,
And Dread born whole and normal like a beast
Into a world of thruths that never change:
Restore our fallen day; o re-arrange.
O dear white children casual as birds,
Playing among the ruined languages,
So small beside their large confusing words,
So gay against the greater silences
Of dreadful things you did: o hang the head,
Impetuous child with the tremendous brain,
O weep, child, weep, O weep away the stain,
Lost innocence who wished your lover dead,
Weep for the lives your wishes never led.
O cry created as the bow of sin
Is drawn across our trembling violin.
O weep, child, weep, O weep away the stain.
O law drummed out by hearts against the still
Long winter of our intellectual will.
That what has been may never be again.
O flute that throbs with the thanksgiving breath
Of convalescents on the shores of death.
O bless the freedom that you never chose.
O trumpets that unguarded children blow
About the fortress of their inner foe.
O wear your tribulation like a rose.
Blessed Cecilia, appear in visions
To all musicians, appear and inspire:
Translated Daughter, come down and startle
Composing mortals with immoral fire.------------------------------
Text von W. H. Auden
I
In einem schattigen Garten stieß diese heilige Frau
mit ehrfurchtsvollem Tonfall und schönem Psalmodieren,
wie ein schwarzer Schwan, als der Tod die Ernte hielt,
ihren Gesang in vollkommener Ruhe hervor:
Und mit Hilfe von Ebbe und Flut konstruierte
diese unschuldige Jungfrau eine Orgel,
um ihrem Gebet Nachdruck zu verleihen,
und furchtbare Töne donnerten aus ihrer gewaltigen Maschine
hinaus in die römische Luft.
Die blonde Aphrodite stand erregt auf,
zu Wonne gestimmt durch die Melodie,
weiss wie eine Orchidee glitt sie, ganz nackend,
in einer Austernschale über die Oberfläche des Meeres;
bei so entzückenden Klängen tanzten die Engel,
kamen aus ihrer Verzückung in die Zeit zurück,
und um die Verruchten in den Abgründen der Hölle
flackerte die riesige Flamme und erleichterte ihre Pein.
Gesegnete Cäcilia, erscheine in Visionen allen Musikern,
erscheine und inspiriere sie; hohe Tochter,
komme herab und überrasche komponierende Sterbliche
mit unsterblichem Feuer.
II
Ich kann nicht mehr tun;
ich habe keinen Schatten,
dem ich weglaufen kann,
ich spiele nur.
Ich kann nicht sündigen;
es gibt kein Lebewesen,
zu dem ich gehöre,
dem ich Unrecht tun könnte.
Ich bin geschlagen,
wenn man das weiß,
kann jetzt nichts ausrichten
durch Leiden.
Wodurch du lebtest,
worum du dich mühtest,
brauch’ es nicht länger,
für was es auch sei.
Ich werde nie anders sein.
Liebe mich.
Gesegnete Cäcilia, erscheine in Visionen allen Musikern,
erscheine und inspiriere sie; hohe Tochter,
komme herab und überrasche komponierende Sterbliche
mit unsterblichem Feuer.
III
O Ohr, dessen Geschöpfe nicht vergehen wollen,
o Ruhe des Raumes, furchtlos vor Beschwernis,
wo selbst die Klage alles Ungeschick ihrer Unreife vergisst,
wo Hoffnung inmitten des gänzlich Fremden erlöst ist
von allem Gewohnten, und Furcht,
wie ein Tier geboren,
in eine Welt unwandelbarer Wahrheit kommt:
hilf unserm gefallenen Tage, o ordne ihn neu.
O geliebte weiße Kinder, beiläufig wie Vögel,
die ihr inmitten verdorbener Sprache spielt,
so klein neben ihren großen verwirrenden Worten,
so unbekümmert gegenüber den stärkeren Heimlichkeiten
des Schrecklichen, das du vollbrachtest:
O neige den Kopf, wildes Tier mit der furchtbaren Phantasie,
o weine, Kind, weine, o weine den Schandfleck heraus,
verlorene Unschuld, die wünschte deinem Liebsten den Tod,
weine für die Leben, die deine Wünsche nie führten.
O Schrei, erschaffen als Bogen der Sünde,
durch unsere zitternde Violine gezogen.
O weine Kind, weine die Schande hinweg.
O Gesetz, ausgetrommelt durch Herzen gegen den stillen,
langen Winter unseres verständigen Willens.
Das, was gewesen ist, soll nie wieder sein.
O Flöte, die mit dem danksagenden Atem der Genesenden
an die Gestade des Todes pocht.
O segne die Freiheit, die du nie wähltest.
O Trompeten, die unbeaufsichtigte Kinder blasen
um die Feste ihres Feindes im Innern.
O trage deine Trübsal wie eine Rose.
Gesegnete Cäcilia, erscheine in Visionen allen Musikern,
erscheine und inspiriere sie; hohe Tochter,
komme herab und überrasche komponierende Sterbliche
mit unsterblichem Feuer.
nach einem Text von Karl Böhmer fürs Programmheft zum Festival RheinVokal
Letzte Änderung am: 03.10.2010, 20.52 Uhr