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Herbststimmung in Brahms' Fünf Gesängen für gemischten Chor op. 104
Als Chorleiter lagen Johannes Brahms die Frauen zu Füßen. Als Chormusik-Komponist das Konzertpublikum. Da konnten seine Chorwerke auch mal ernst und wehmütig klingen, so wie die "Fünf Gesänge für gemischten Chor a cappella" op. 104. Das SWR Vokalensemble Stuttgart singt im Musikstück der Woche vom letzten Glück, verlorener Jugend und Lebensabend. Die Aufnahme entstand unter der Leitung von Marcus Creed zwischen dem 10. Dezember 2003 und dem 1. März 2004 in der Villa Berg in Stuttgart.
Johannes Brahms: Fünf Gesänge für gemischten Chor op. 104, Nachtwache I, Nachtwache II, Letztes Glück, Verlorene Jugend, Im Herbst
Es ist schon ärgerlich mit diesen Chorkompositionen: Kleinste Fehler in der Stimmführung fallen sofort auf und ein schlechte Klangtechnik ist genauso schnell zu hören. Aber gerade das war der Grund, weshalb sich Johannes Brahms so für Chormusik interessierte: Um daran zu lernen! "Wie wenig praktische Kenntnisse habe ich", schrieb er an seinen Freund, den Geiger Joseph Joachim, "die Chorübungen zeigen mir große Blößen... Meine Sachen sind ja übermäßig unpraktisch geschrieben". Chorkompositionen als Herausforderung also. Abgesehen davon brachte sie Brahms auch gesellschaftliche Anerkennung. Während er den Hamburger Frauenchor dirigierte, umschwärmten ihn die "höheren Töchter" der Gesellschaft. Und im Detmolder Hofchor, den er einige Zeit leitete, sang sogar der Fürst persönlich mit. Singen war im 19. Jahrhundert eben angesagt! Volkssingbewegungen, Gesangsvereine und Singakademien wurden gegründet. Im geselligen Beisammensein entstanden dann zahlreiche Chorlieder.
Auch Brahms' Opus 104 besteht aus fünf Chorliedern; von ihrem geselligen, fröhlichen Ursprung ist jedoch hier nicht mehr viel zu hören. Der Musikschriftsteller Max Kalbeck bemerkte, es fehle "die Natürlichkeit der Empfindung, die Frische des Tones und die Einfachheit des Tonsatzes." Stattdessen sei die Komposition dicht und ernst. Nichtsdestotrotz: Die Uraufführung des Stücks "Herbst" am 3. März 1887 durch den Hamburger Cäcilien-Verein war erfolgreich. Emil Krause schreibt im Hamburger Fremdenblatt: "Der Dirigent wie seine Singenden dürfen stolz darauf sein, dass Brahms diesem Concert ein Manuskript widmete." Und enthusiastisch fährt er fort: "Das Absterben der Natur in poesiereicher, ergreifender Weise mit dem Dahinscheiden des Menschen verglichen, findet eine überwältigende musikalische Verbildlichung."
Brahms hat den "Herbst" danach noch mehrfach umgearbeitet und es später "Im Herbst" genannt. Als er schließlich zufrieden war, bot er es dem Verleger Simrock an, zusammen mit vier weiteren Gesängen: "Nachtwache I", "Nachtwache II", "Letztes Glück" und "Verlorene Jugend". 1889 erschienen die Fünf Gesänge für gemischten Chor a cappella als Opus 104 im Druck. Nach außen hin sind es weltliche Chorkompositionen – Brahms war sowohl Gegner kirchlicher Dogmen als auch protestantischer Reformbewegungen –, trotzdem spricht eine tiefe Religiösität durch diese Chorklänge.
Texte der Fünf Gesänge op. 104
Nachtwache I
Leise Töne der Brust,
geweckt vom Odem der Liebe,
Hauchet zitternd hinaus,
ob sich euch öffnet ein Ohr,
Öffn' ein liebendes Herz,
und wenn sich keines euch öffnet,
Trag' ein Nachtwind euch
seufzend in meines zurück!
Nachtwache II
Ruh'n sie? rufet das Horn
des Wächters drüben aus Westen,
Und aus Osten das Horn
rufet entgegen: Sie ruh'n!
Hörst du. zagendes Herz,
die flüsternden Stimmen der Engel?
Lösche die Lampe getrost,
hülle in Frieden dich ein.
Letztes Glück
Leblos gleitet Blatt um Blatt
Still und traurig von den Bäumen:
Seines Hoffens nimmer satt,
Lebt das Herz in Frühlingsträumen.
Noch verweilt ein Sonnenblick
Bei den späten Hagerosen,
Wie bei einem letzten Glück,
Einem süßen, hoffnungslosen.
Verlorene Jugend
Brausten alle Berge,
Sauste rings der Wald, --
Meine jungen Tage,
Wo sind sie so bald?
Jugend, teure Jugend,
Flohest mir dahin
O du holde Jugend,
Achtlos war mein Sinn.
Ich verlor dich leider,
Wie wenn einen Stein
Jemand von sich schleudert
In die Flut hinein
Wendet sich der Stein auch
Um in tiefer Flut,
Weiß ich, dass die Jugend
Doch kein gleiches tut.
Im Herbst
Ernst ist der Herbst.
Und wenn die Blätter fallen,
sinkt auch das Herz
zu trübem Weh herab.
Still ist die Flur,
und nach dem Süden wallen
die Sänger, stumm,
wie nach dem Grab.
Bleich ist der Tag,
und blasse Nebel schleiern
die Sonne wie die Herzen ein.
Früh kommt die Nacht:
denn alle Kräfte feiern,
und tief verschlossen ruht das Sein.
Sanft wird der Mensch,
Er sieht die Sonne sinken,
er ahnt des Lebens
wie des Jahres Schluß.
Feucht wird das Aug',
doch in der Träne Blinken,
entströmt des Herzens
seligster Erguß.

Die Geschichte des SWR Vokalensembles Stuttgart spiegelt in einzigartiger Weise die Kompositionsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts wieder. Auf Beschluss der Alliierten und im Zuge von Demokratisierungsmaßnahmen wurden 1946 Rundfunkanstalten und Ensembles gegründet, darunter auch der damalige Südfunkchor. Ihm kam die Aufgabe zu, das Schallarchiv mit Musik aller Arten und für jegliche Anlässe zu versorgen. Mit dem Dirigenten Hermann Joseph Dahmen, der den Chor von 1951 bis 1975 leitete, begann die Zeit der allmählichen Spezialisierung auf Neue Musik. Von 1953 an vergab der Chor regelmäßig Kompositionsaufträge.
Zu internationaler Reputation als Ensemble für Neue Musik gelangte das SWR Vokalensemble mit seinen späteren Chefdirigenten Marinus Voorberg, Klaus-Martin Ziegler und mit Rupert Huber. Schon Voorberg, insbesondere aber Huber formte den typischen Klang des SWR Vokalensembles, geprägt von schlanker, gerader Stimmgebung. Viele der mehr als 200 Uraufführungen, die in der Chronik des SWR Vokalensembles verzeichnet sind, hat er dirigiert. Auf diesem Niveau konnte Marcus Creed aufbauen, als er 2003 die Position des Chefdirigenten übernahm. Dem Ensemble ging zu diesem Zeitpunkt bei Fachpresse und Publikum längst der Ruf voraus, in konstruktiver Offenheit mit den Schwierigkeiten zeitgenössischer Partituren umzugehen.
In seinen ersten Stuttgarter Jahren legte Creed, der als einer der profiliertesten Dirigenten internationaler Profichöre gilt, seine Arbeitsschwerpunkte deshalb auf das Vokalwerk von György Ligeti, Luigi Dallapiccola und Luigi Nono. Darüber hinaus setzte er die Reihe der Uraufführungen fort. Intensiviert wurde vor allem die Zusammenarbeit mit Georges Aperghis, Heinz Holliger und György Kurtág. Die Studioproduktion des SWR Vokalensembles Stuttgart erscheinen zu einem großen Teil auf CD und werden regelmäßig mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Preis der Deutschen Schallplattenkritik, der Grand Prix du Disque und der Midem Classical Award.
Antonia Bruns
Letzte Änderung am: 28.07.2010, 09.59 Uhr