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Johann Sebastian Bach: Kantate Nr. 35
Geist und Seele sind im Text dieser Kantate zwar verwirret, aber in der Musik waltet jene wunderbare Ordnung, die uns an Johann Sebastian Bach immer wieder zum Staunen bringt. Im SWR2 Musikstück der Woche singt Bernarda Fink, begleitet vom Freiburger Barockorchester. Unser Live-Mitschnitt stammt vom April 2008 aus dem Konzerthaus Freiburg.

Freiburger Barockorchester
Johann Sebastian Bach: Geist und Seele wird verwirret, Kantate zum zwölften Sonntag nach Trinitatis in 2 Teilen BWV 35
1. Sinfonia
2. Arie: Geist und Seele wird verwirret
3. Rezitativ: Ich wundre mich
4. Arie: Gott hat alles wohlgemacht!
5. Sinfonia. Presto
6. Rezitativ: Ach, starker Gott
7. Arie: Ich wünsche mir bei Gott zu leben
Bernarda Fink (Alt)
Freiburger Barockorchester, Leitung und Violine: Petra Müllejans
Live-Mitschnitt vom April 2008 im Konzerthaus Freiburg
Eine künstlerische Verschnaufspause ging dieser Kantate voran. Zweieinhalb Jahre lang hatte Bach in Leipzig jede Woche eine neue Kirchenkantate komponiert, mit den Musikern einstudiert und im sonntäglichen Gottesdienst aufgeführt. Ein unglaublicher Kraftakt! Ab Weihnachten 1725 griff er für ein paar Monate auf fremde Werke zurück: etwa auf die Kantaten seines Meiniger Vetters Johann Ludwig Bach oder auf die Markus-Passion von Reinhard Keiser. (Proben und Aufführungen musste Bach natürlich trotzdem leiten, weshalb von einem ‚Sabbatical‘ keine Rede sein kann).
Mit dem Trinitatisfest – dem ersten Sonntag nach Pfingsten – 1726 trat er dann wieder mit eigenen Kompositionen an die Öffentlichkeit. Die Kantate „Geist und Seele wird verwirret“ zählt zu den Früchten dieser neuen Schaffensphase; sie erlebte ihre Uraufführung am 8. September 1726. Statt großer Chorsätze oder chorischer Choralbearbeitungen, wie sie seine früheren Kantaten prägten, wählte Bach nun eine solistische Gesangsbesetzung. Gegenüber dem Gesang spielen jetzt die Instrumente eine deutlich aufgewertete Rolle. Die zwei Teile der Kantate werden von großen Instrumentalsätzen eingeleitet. Sie dienten ursprünglich als Rahmensätze eines Solokonzerts – wahrscheinlich war es für Oboe; die Komposition ist heute verschollen. In der Kantate hat Bach den Solopart der Orgel übertragen. Den Mittelsatz des Konzerts hat er vermutlich in der Arie „Geist und Seele wird verwirret“ wiederverwertet: ein ausdrucksstarkes Siciliano mit wiegenden Achtelfiguren. Das Siciliano verweist direkt auf Weihnachten und die Musik der Hirten – was den Inhalt des Textes unterstreicht: Hier ist von der Überwältigung die Rede, die der Mensch beim Anblick von Gottes Wundern erlebt. Von dem Verstummen des Geistes und der Seele angesichts der Größe der göttlichen Taten. Nichts anderes haben die Hirten bei der Krippe erlebt.
Auf die Verwirrung folgt die Sehnsucht
Der Text der Kantate war damals bereits 15 Jahre alt. Er stammt von dem Darmstädter Hofbibliothekar Georg Christian Lehms und bezieht sich auf den Evangelientext für den 12. Sonntag nach Trinitatis: Gottes Wirken in der Welt – so führt es der Text aus – lässt sich nicht mit den Kategorien des Verstandes und der Worte fassen, und es kann den Menschen Fähigkeiten und Erkenntnisse offenbaren, die außerhalb jeglichen Vorstellungsbereiches liegen: „Du öffnest auf ein Wort die blinden Augenlieder“, reflektiert die gläubige Seele.
Der zweite Teil der Kantate wurde wahrscheinlich nach der Predigt musiziert. Er enthält die Applicatio – die Übertragung und Anwendung des Textes auf den Hörer: Gottes Taten und sein Wirken sollen dem Christen in jedem Augenblick seines Lebens bewusst sein, damit er sich ihrer würdig „als Erb und Kind erweise“. Die abschließende Arie formuliert die Sehnsucht, ein Leben zu führen, das ganz mit Gott verbunden ist - womöglich, so legt es die theologische Überzeugung des Textdichters nahe, ist dies erst nach dem Tod möglich: „Mein liebster Jesu, löse doch / das jammervolle Schmerzensjoch / und lass mich bald in deinen Händen / mein martervolles Leben enden.“

Die Altistin Bernarda Fink
Als Kind slowenischer Eltern in Buenos Aires geboren, erhielt Bernarda Fink ihre Gesangs- und Musikausbildung am Instituto Superior de Arte del Teatro Colón, an dem sie auch regelmäßig auftrat.
Ihr Repertoire reicht vom Barock bis ins 20. Jahrhundert, und sie konzertierte mit den großen Orchestern und Dirigenten der Welt – von London bis Prag, von Cleveland bis Philadelphia. Als Liedsängerin gastiert Bernarda Fink in den Musikzentren Europas wie im Musikverein und Konzerthaus Wien, bei der Schubertiade Schwarzenberg, im Amsterdamer Concertgebouw und der Londoner Wigmore Hall. Das umfangreiche Bühnen- und Konzertrepertoire der Künstlerin ist durch eine Diskografie dokumentiert, die schon fast die 50er Marke erreicht und sich von Monteverdi, Händel, Bach über Rameau, Hasse, Haydn bis hin zu Schubert, Rossini, Bruckner und Schumann erstreckt. Viele ihrer Platten wurden mit namhaften Preisen wie dem Diapason d’Or oder einem Grammy ausgezeichnet. 2006 erhielt Bernarda Fink das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.
Das "Barock" im Namen des Freiburger Barockorchester Orchesters ist mehr als nur eine Epochenbezeichnung: Es steht für die aufführungspraktische Perspektive der Musiker und für ihren Spaß am Musikantischen, an einem kultivierten und zugleich virtuosen Ensemblespiel. Mit diesem musikalischen Selbstverständnis hat das Freiburger Barockorchester die bekanntesten Konzertsäle der Welt erobert. Aus der barocken Perspektive klingt gerade die Musik des 18. und 19. Jahrhunderts jung und modern und keineswegs nach Alter Musik, sondern so unmittelbar, als wäre die Tinte auf den Notenblättern noch feucht.
Unter der künstlerischen Leitung seiner beiden Konzertmeister Gottfried von der Goltz und Petra Müllejans oder unter der Stabführung ausgewählter Dirigenten präsentiert sich das FBO mit rund einhundert Auftritten pro Jahr in unterschiedlichen Besetzungen vom Kammer- bis zum Opernorchester: ein selbstverwaltetes Ensemble mit eigenen Abonnementkonzerten im Freiburger Konzerthaus, in der Stuttgarter Liederhalle und der Berliner Philharmonie und mit Tourneen in der ganzen Welt.
***
[Sinfonia]
Aria
Geist und Seele wird verwirret,
Wenn sie dich, mein Gott, betracht'.
Denn die Wunder, so sie kennet
Und das Volk mit Jauchzen nennet,
Hat sie taub und stumm gemacht.
Recitativo
Ich wundre mich;
Denn alles, was man sieht,
Muss uns Verwundrung geben.
Betracht ich dich,
Du teurer Gottessohn,
So flieht
Vernunft und auch Verstand davon.
Du machst es eben,
Dass sonst ein Wunderwerk vor dir was Schlechtes ist.
Du bist
Dem Namen, Tun und Amte nach
Erst wunderreich,
Dir ist kein Wunderding auf dieser Erde gleich.
Den Tauben gibst du das Gehör,
Den Stummen ihre Sprache wieder,
Ja, was noch mehr,
Du öffnest auf ein Wort die blinden Augenlider.
Dies, dies sind Wunderwerke,
Und ihre Stärke
Ist auch der Engel Chor nicht mächtig auszusprechen.
Aria
Gott hat alles wohlgemacht!
Seine Liebe, seine Treu
Wird uns alle Tage neu.
Wenn uns Angst und Kummer drücket,
Hat er reichen Trost geschicket,
Weil er täglich für uns wacht.
Gott hat alles wohlgemacht!
Seconda parte
[Sinfonia]
Recitativo
Ach, starker Gott, lass mich
Doch dieses stets bedenken,
So kann ich dich
Vergnügt in meine Seele senken.
Laß mir dein süßes Hephata
Das ganz verstockte Herz erweichen;
Ach! lege nur den Gnadenfinger in die Ohren,
Sonst bin ich gleich verloren.
Rühr auch das Zungenband
Mit deiner starken Hand,
Damit ich diese Wunderzeichen
In heilger Andacht preise
Und mich als Erb und Kind erweise.
Aria
Ich wünsche nur bei Gott zu leben,
Ach! wäre doch die Zeit schon da,
Ein fröhliches Halleluja
Mit allen Engeln anzuheben!
Mein liebster Jesu, löse doch
Das jammerreiche Schmerzensjoch
Und lass mich bald in deinen Händen
Mein martervolles Leben enden!
Doris Blaich
Letzte Änderung am: 13.04.2011, 16.04 Uhr