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Von Antonin Dvořák dem Sinfoniker sprach noch niemand, als er mit 33 Jahren seine vierte Sinfonie schrieb. Aber sie sollte der Startpunkt für jene Sinfonien werden, die ihn weltberühmt machten. Bei einem Konzert in der Stuttgarter Liederhalle am 10.10.2008 dirigierte Thomas Hengelbrock das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, u.a. auch mit Dvořák früher Vierter auf dem Programm.
Antonin Dvořák: Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 13 Allegro, Andante sostenuto e molto cantabile, Scherzo: Allegro feroce, Finale: Allegro con brio
Kaum ein Mensch kannte den Komponisten Antonin Dvořák im Jahr 1874. Der Prager Magistrat gab dem Komponisten das sogar schriftlich, und zwar in einem auf Deutsch verfassten Mittellosigkeitszeugnis: „Vom Magistrat der königlichen Hauptstadt Prag wird dem Herrn Anton Dvořák, Musiklehrer, geboren 1841, verheiratet, Vater eines unversorgten Kindes, zum Behufe der Erlangung eines Staatsstipendiums nach amtlich gepflogener Erhebung bestätigt, daß derselbe kein Vermögen besitzt und außer einem Gehalte jährlich 126 fl. als Organist an der St. Adalbertskirche und einem Unterrichtsgelde monatlicher 60 fl. für die Erteilung von Musikstunden sonst kein anderweitiges Einkommen bezieht."
Dieses Mittellosigkeitszeugnis wurde am 24. Juni 1874 ausgestellt, genau einen Monat, nachdem Dvořáks Kollege Bedrich Smetana gemeinsam mit der 3. Sinfonie auch den dritten Satz der 4. Sinfonie uraufgeführt hatte. Denn bis 1865 dahin hatte der unbekannte Prager Musiklehrer immerhin schon vier Sinfonien verfasst: Die erste – erfolglos - anlässlich eines Preisausschreibens in Leipzig, die zweite ebenfalls 1865 und lange als verschollen geltend, die dritte 1873 und schließlich die vierte 1874. Sinfonie eins bis vier rangieren unter den insgesamt neun Sinfonien Dvořáks eher als bedeutungslos, als Dokumente einer künstlerischen Suche nach dem eigenen Stil, als oft revidiert, als lange verschollen oder zumindest vergessen. Jede ist auf ihre Art in Versenkung geraten, und vielleicht sind sie gerade deshalb heute gut für Neuentdeckungen. Die Geschichte von Sinfonie Nr. 4 jedenfalls ist eine Geschichte langer Entdeckungen. Denn komplett kam das Werk erst knapp 20 Jahre nach seiner Entstehung im Jahr 1892 unter Dvořáks eigener Leitung zur Uraufführung, und gedruckt wurde die Partitur sogar erst 1912, acht Jahre nach Dvořáks Tod.
Innerhalb der ersten vier Sinfonie ist die vierte diejenige, in denen Dvořák am ehesten seinen Stil gefunden zu haben schien. Nach künstlerischer Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern Beethoven, Schubert, Schumann und Wagner. Ein wenig erinnert das Thema des zweiten Satzes noch an Wagners „Tannhäuser“, deutlich aber löst sich Dvořák in diese Sinfonie von Vorbildern der Neudeutschen Schule – und geht seinen eigenen Weg: konzentrierter und ideenreicher als in den Sinfonien davor.

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR spielt jährlich rund 90 Konzerte im Sendegebiet des Südwestrundfunks, in den nationalen und internationalen Musikzentren und bei bedeutenden Musikfestspielen. Das Orchester pflegt das klassisch-romantische Repertoire in exemplarischen Interpretationen und setzt sich mit Nachdruck für zeitgenössische Musik und selten aufgeführte Komponisten und Werke ein. Bis heute hat es mehr als 500 Werke uraufgeführt.
Viele namhafte Dirigentenpersönlichkeiten haben das RSO in den letzten 60 Jahren geprägt, unter Ihnen Sergiu Celibidache, Carl Schuricht, Sir Georg Solti, Giuseppe Sinopoli, Carlos Kleiber, Sir Neville Marriner, Georges Prêtre und Herbert Blomstedt. Ebenso konzertieren regelmäßig hochkarätige Solisten aller Generationen beim RSO.
Zur Saison 2011/2012 tritt der Franzose Stéphane Denève seine Stelle als Chefdirigent beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR an und löst damit Sir Roger Norrington ab, der dem Orchester seit 1998 als Chefdirigent vorstand.
Bekannt wurde Thomas Hengelbrock zunächst als einer der herausragenden Vertreter für historisch-informierte Aufführungspraxis. Maßgeblich war er daran beteiligt, das Musizieren mit Originalinstrumenten in Deutschland dauerhaft auf den Konzertbühnen heimisch zu machen. In den 1990er Jahren gründete er mit dem Balthasar-Neumann-Chor und dem Balthasar-Neumann-Ensemble Klangkörper, die zu den international erfolgreichsten ihrer Art zählen. Neben seinen eigenen Ensembles stand Thomas Hengelbrock von 1995–1998 als Künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und von 2000–2006 dem Feldkirch Festival vor. Als Musikdirektor war er von 2000–2003 an der Wiener Volksoper tätig. Über ein Jahrzehnt lang sorgte er mit spektakulären Wiederentdeckungen bei den Schwetzinger SWR-Festspielen für Aufsehen.
Thomas Hengelbrock ist heute gleichermaßen als Opern- wie auch als Konzertdirigent international gefragt. Er dirigiert an Opernhäusern wie der Opéra de Paris, dem Teatro Real in Madrid und am Royal Opera House in London. Mit herausragenden Produktionen ist er im Festspielhaus Baden-Baden zu einem der wichtigsten Protagonisten geworden. Gastdirigate führen ihn wiederholt zum Symphonieorchester des Bayerisch- en Rundfunks und den Münchner Philharmonikern. Mit einer Neuproduktion von “Tannhäuser” debütiert er im Juli 2011 bei den Bayreuther Festspielen. Im September tritt Thomas Hengelbrock die Nachfolge von Christoph von Dohnányi als Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters an.
Kerstin Unseld
Letzte Änderung am: 01.09.2011, 11.51 Uhr