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Die kleine Stadt Meßkirch im westlichen Oberschwaben, südlich von Sigmaringen, liegt zwischen Donau und Bodensee an der oberschwäbischen Barockstraße.
Ein stattliches Schloss aus dem 16. Jahrhundert steht mitten in der 8000 Einwohner-Gemeinde. Hier kam Conradin Kreutzer 1780 auf die Welt und sollte später – als er Meßkirch längst verlassen hatte - einer der fruchtbarsten Komponisten des 19. Jahrhunderts werden.
Wien, Stuttgart, Donaueschingen, Paris waren einige Stationen seiner großen Karriere. In Wien wurde er Schüler von Johann Georg Albrechtsberger, dem alten Lehrer Beethovens. In Stuttgart trat er als Nachfolger von Franz Danzi die Stelle des Hofkapellmeisters an, das gleiche Amt hatte er danach in Donaueschingen inne. Aber bald befand Kreutzer es hier viel zu abgeschieden und ging zurück nach Wien, diesmal als Kapellmeister ans Kärntnertortheater. Unablässig komponiert er, viel und für alle Genres. Seinen größten Triumph als Komponist feierte er 1834 in Wien mit der Uraufführung seiner Oper "Das Nachtlager in Granada". Kreutzer selbst nannte dieses Jahr 1834 sein Glücksjahr. Im Januar fand im Theater in der Josephsstadt die Uraufführung statt, und allein bis Dezember gab es 31 weitere Aufführungen. Ganz Wien sang damals die beliebtesten Melodien aus dem "Nachtlager in Granada", und die Oper gehörte in dieser Zeit zu den ganz wenigen deutschen Opern, die sich gegen die italienische Konkurrenz behaupten konnten. Auch wenn der Glanz des "Nachtlagers" längst verblichen ist - das Chorfinale des 1. Aktes: "Schon die Abendglocken klangen" zählt bis heute zu den bekanntesten Opernchören überhaupt.
Kreutzer steht heute mitten in Meßkirch. Zumindest sein Denkmal. Zwischen Kirche und Schloss thront Kreutzers Büste seit über 100 Jahren und prägt den großen Platz. Jeder Meßkircher, jede Meßkircherin sieht, dass Kreutzer ein großer Komponist war. Schließlich schmückt sich das Städtchen u.a. auch seinethalben mit dem Zusatz "badischer Geniewinkel". Seit 1847 gibt es in Meßkirch auch den Kreutzerchor, der zunächst noch schlicht "Singverein" hieß und ein reiner Männerchor war. Während sich 1847 die Meßkircher Männer im Singverein versammelten, reiste der 67-jährige Kreutzer unstet zwischen Graz, Detmold und Riga umher. Er begleitete seine Tochter Marie – die er selbst zur Sängerin ausgebildet hatte - auf Konzertreisen und ans Theater in Riga.
1849, in Kreutzers Todesjahr, kam der junge Oberlehrer Johann Nepomuk Urnau nach Meßkirch, unterrichtete und arbeitete hier auch als Organist und Chorregent. Im Inventar des Kirchenchores fand er handgeschriebene Stimmblätter und Orchestermaterial einer Messe von Kreutzer. Da Urnau die Noten zwar als Schatz im Schrank hütete, sie aber nie mit seinem Chor sang, kam diese Messe – die nun Meßkircher Messe heißt – erst 1934 zur Uraufführung.
In der Kirche St. Martin, schräg gegenüber von Schloss und Kreutzerdenkmal, führt sie heute der Kreutzerchor auf. 1980 zum 200. Geburtstag Kreutzers, auch 1999 als sich der Todestag des Komponisten jährte, und im Dezember 2011 zum Meßkircher Stadtjubiläum. Immer ist es für den Chor eine große Ehre, diesen 'Hausschatz' aufzuführen. Und eine besondere, vor allem praktische Herausforderung ist es außerdem: Erst nach und nach erst konnten die Meßkircher Sänger aus ihrem Notenfund brauchbares Aufführungsmaterial herstellen lassen.
Conradin Kreutzers Name ist untrennbar mit der Chorbewegung des Biedermeier verbunden. Auch wenn heute Kreutzers Kammermusik, seine Lieder und auch seine Kirchenmusik langsam wieder entdeckt werden – es ist sein Chorwerk, das sein Bild als typischer Vertreter der Vorromantik und des Biedermeier prägt. Kreutzers Chöre, Kreutzers Lieder und Opernmelodien sind Ausdruck seiner Zeit. Ohne große Dramatik, eingängig und vor allem mit einer Poetik, die bald schon als veraltet galt.
Aber wer – auch außerhalb Meßkirchs - in einem Laienchor singt, wird immer wieder Liedern von Conradin Kreutzer begegnen. Und Laienchöre, deren Geschichte bis fast in Kreutzers eigene Zeit zurückreicht, werden seit 1998 mit einer Auszeichnung geehrt, die seinen Namen trägt. Denn das Land Baden-Württemberg verleiht alljährlich an Laienensembles, die mindestens 150 Jahre alt sind, die Conradin-Kreutzer-Tafel.
Jubiläen zu Kreutzers Geburts- und Todesjahren boten regelmäßig Grund zum Feiern. Vor allem in Meßkirch. Feierliche Kranzniederlegungen, Festbeflaggung in der ganzen Stadt, Gedenkreden. Viel wurde dann gesungen, immer wieder das "Nachtlager in Granada" aufgeschlagen. Und doch bricht einer aus der unverbindlichen Lieder-Idylle aus, als 1955 wieder ein Kreutzer-Jahr ansteht: Es ist der Philosoph Martin Heidegger.
Mit Conradin Kreutzer verbindet Heidegger die gemeinsame Geburtsstadt Meßkirch. Heideggers Festrede war die Krönung der Feierlichkeiten 1955 – und auch das Ereignis, was am längsten an dieses Jubiläum des Komponisten erinnern sollte. Denn zunächst ging der Philosoph Heidegger der Frage nach Kreutzers Bodenständigkeit auf den Grund, sprach von der "wurzelkräftigen Heimat" und deren "Mitgift". Aber dann enttäuschte Heidegger bewusst die Festgemeinde, die sich zur Kreutzerfeier eingefunden hatte und in Kreutzer-Feierlaune war. Er hielt keineswegs eine Lobesrede auf den Komponisten, sondern nahm ihn als Ausgangspunkt für philosophische Gedanken, die ganz wo anders hinführten und wenig harmonisch klangen. Der Philosoph Martin Heidegger machte zeitkritische Anmerkungen über Atomenergie und ihre Gefahren.
Kerstin Unseld
Letzte Änderung am: 20.04.2011, 09.45 Uhr